110% – Besser als der Rest

Schneller, schöner, schlauer – um den Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft gerecht zu werden, greifen immer mehr Menschen auf technische Hilfsmittel zurück. Doch was passiert, wenn der Mensch zur modernen Maschine wird?

In Zeiten von Veganismus, dem Boom der Fitnessindustrie und dem Wunsch nach Nachhaltigkeit wird unser Blick auf das eigene-Ich immer schärfer. Der neue Trend unserer Leistungsgesellschaft ist es, sich auf ein Optimum zu maximieren – besser zu sein als überdurchschnittlich. Disziplin alleine reicht da nicht mehr: Kontrolle muss her.
Immer mehr Menschen greifen daher auf Technik zurück. Mithilfe von Apps, Computerprogrammen und Wearables kontrollieren sie sich in nahezu allen Bereichen des Lebens. Von Essgewohnheiten bis hin zum Schlafrhythmus – technische Hilfsmittel dokumentieren alles, wie in einem digitalen Tagebuch. Doch kann das gesund sein?

Jeder Schritt, jeder Bissen und jede Sekunde des Nichtstuns werden protokolliert, gemessen und festgehalten. Der sogenannte „Selbstoptimierer“ kann sich dann jeden Tag aufs Neue vergleichen und seine Leistung auf ein noch höheres Level schrauben. Ist manchen der Druck auf der Arbeit schon zu viel, setzt der Selbstoptimierer den Druck in jeder Lebenssituation voraus.
Wie lange kann das gut gehen? Ähnlich wie eine Maschine, stößt auch der Mensch irgendwann an seine natürlichen Grenzen. Doch wer setzt diese Grenzen, bevor es zum total Ausfall unseres Systems kommt?

Der Drang Neues zu lernen und sich weiter zu entwickeln, ist ein Urinstinkt des Menschen. Etwas vorerst Ungefährliches, das allerdings in Zeiten der Digitalisierung ins komplette Gegenteil umschwenken kann. Während gesellschaftliches Zusammenhaltenweiter in den Hintergrund rückt, platziert sich das Individuum immer mehr im Rampenlicht. Der Wunsch nach perfekter Außendarstellung ist auch Dank Instagram und anderer Social-Media präsenter denn je: Stählerne Körper, teure Kleidung und ein Lifestyle à la Hollywood werden nun schon den Kleinsten unter uns vorgelebt. Ein Bild, weit weg von der gesellschaftlichen Norm, sorgt für einen vorerst unbewussten Vergleich. Automatisch verbinden wir Werte wie Gesundheit, Schönheit und Erfolg mit Glück und Zufriedenheit. Und denken: Das will ich auch!

Warum auch nicht? Am Wunsch nach Glück ist nichts Schlimmes. Schlimm wird es erst, wenn aus Sehnsucht Sucht wird. Auch Zukunftsforscherin Corinna Mühlhausen sieht Selbstoptimierung vorerst als etwas Positives an:
Es ist „eine Schlüsselqualifikation in einem Land, in dem die Bevölkerung immer älter und die Anzahl der gesunden Jahre im Alter immer weiter ausgebaut wird“, so Mühlhausen, die sich in ihrer Studie „Das Zeitalter der Selbstoptimierer“ (2016) mit dem Gesundheitshype unserer Gesellschaft auseinander setzt. Neben Eigenverantwortung, Mündigkeit und Disziplin wird auch das eigene Selbstbewusstsein mit jedem Erfolg gestärkt.

Anders hingegen sieht das Iris Hauth, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN): „Alle sind leistungsfähig, schön und jung und möchten das möglichst lange bleiben. Das hat Folgen im Verhalten der Menschen“, so Hauth gegenüber der Huffington Post. „Ich würde nicht sagen, Lifestyle macht Erkrankungen. Aber Lifestyle bewirkt Verhaltensveränderungen und emotionale Veränderungen, die gegebenenfalls Risikofaktoren für eine Erkrankung werden können.“ Gerade junge Menschen suchen immer öfter die Hilfe der Berliner Notaufnahme und klagen über Prüfungs-und Partnerstress.
Auch Claus Normann von der Klinik für Psychiatrie am Uniklinikum Freiburg weiß, dass auch bis zu fünf Prozent der Berufstätigen immer öfter zum Hirndoping greifen. „Unter Studierenden dürften die Zahlen noch höher liegen.“

Müssen wir uns jetzt Grund zur Sorge haben? Nein, so lange wir lernen, auch mal nichts zutun. Lernen, sich Grenzen zu setzen setzt nämlich ebenso eine große Portion Eigenverantwortung und Selbstreflexion voraus. Zu erkennen, dass auch weniger als hundert Prozent glücklich machen können und vollkommen O.K. sind. Es ist O.K. und komplett normal, sein Smartphone mit den Kontroll-Apps beiseitezulegen, den Laptop zuzuklappen und mal nicht auf Diagramme und Messungen der letzten Tage zu schauen. Denn auch Gelassenheit kann eine ganz eigene Form der Optimierung sein.
Eins sollte man nämlich nicht vergessen: Am Ende des Tages sind wir Menschen – und eben keine Maschinen. Und ist es nicht gerade menschlich, nicht perfekt zu sein?

 

Gift: Anabel

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