Alles für die Likes

Follower und Likes auf Instagram sind wichtiger denn je. Sie bedeuten Erfolg – und Geld. Um die Zahlen zu pushen, wird immer öfter zu eher dubiosen Mitteln gegriffen

Instagram hat seine ganz eigene Sprache. Es gibt Follower und Likes. Es gibt #couplegoals, #girlswholift und #ootd’s, stumm vereinbarte Abmachungen wie #followforfollow und #like4like. Es gibt Katzenbabys, gesunde Müsli-Bowls, #cleaneating und Wohnzimmer wie aus dem Ikea-Katalog. Auf Instagram sieht man die perfektionierte Realität, Kim Kardashians Hintern bekommt mehr Likes als Helfer in einem SOS-Kinderdorf. Wenn Bloggerin Chiara Ferragni mit ihrem Boyfriend in der Badewanne planscht, dann gefällt das fast 200.000 Menschen. Eines muss man ihr lassen: Diese Likes sind echt. Und das ist nicht selbstverständlich.

Die gepflegte Fassade des sozialen Netzwerks fängt gerade an zu bröckeln. Die Reise-Bloggerin Nicki Sunderland hat sich Anfang April nämlich etwas getraut: Auf ihrem Blog EatLiveTravelDrink veröffentlicht sie einen Artikel über „Fake-Influencer“ – und nannte Namen von Kollegen, die ihrer Meinung nach Follower gekauft haben. Den Text hat Nicki Sunderland mittlerweile gelöscht. Zu groß sei die Anfrage von Medien gewesen, zu viele Anrufe und Mails habe sie deswegen bekommen. Das Thema ist durch die sozialen Netzwerke gefegt und hat auch viele deutsche Blogger dazu veranlasst, darüber zu schreiben, was oft versteckt hinter weißen Bettlaken und Sonnenuntergängen auf Ibiza geschieht.

„Ich frisiere meine Zahlen“, berichtet etwa die deutsche Bloggerin Vreni Frost am selben Tag auf ihren Blog, an dem auch Nicki Sunderland ihren Artikel veröffentlicht. Offenbar dreht sich online derzeit tatsächlich fast alles um Reichweite, Follower und Likes. Vreni Frost bringt den Wandel der Social-Media-Welt in ihrem Beitrag auf den Punkt: „instagram ist ein schönes tool, um hübsche bilder mit seinen followern zu teilen. in den letzten zwei jahren hat es sich jedoch in bloggerkreisen zum monetarisierungs-tool numero 1 entwickelt.“

Follower und Likes sind Geld. Denn je mehr Follower jemand in sozialen Netzwerken hat, desto wichtiger erscheint er für andere: sowohl für Nutzer als auch für Werbepartner. Da sind 1000 Follower schon lange nicht mehr genug. Was Nicki Sunderland und viele deutsche Blogger kritisieren, sind aber nicht nur die gekauften Follower und Likes. Denn es gibt mittlerweile viele Möglichkeiten, um seinen Account innerhalb von kürzester Zeit wachsen zu lassen. Ketten-Gewinnspiele sind etwa beliebt, um Follower über mehrere Profile zu leiten – dabei müssen sie bestimmten Personen auf Instagram folgen, um in den Lostopf zu gelangen. Besonders angesagt bei kleineren Accounts sind auch Instagram-Gruppen: Alle Mitglieder geben innerhalb einer solchen Gruppe Bescheid, sobald sie einen neuen Beitrag gepostet haben. Dann kommentiert und liked der Rest.

Vreni Frost erzählt auf ihrem Blog, dass sie in den letzten eineinhalb Jahren fast alle Tools ausprobiert hat, um ihre Reichweite zu steigern. „bezüglich meiner follower-anzahl buchte ich eine agentur irgendwo in den usa, die zugang zu meinem account hatte und deren aufgabe es war, anderen leuten zu folgen (und nach 72 stunden wieder zu entfolgen), damit man auf mich aufmerksam wird“, gibt sie in dem Beitrag zu.
Diese Ehrlichkeit wurde von anderen aus der Branche anerkannt – viele schrieben ebenfalls über die Fake-Maßnahmen in sozialen Netzwerken.

Aber nicht mehr nur auf Accounts von Bloggern und vermeintlichen Influencern wird getrickst. „Auch in der Politik kommen Bots zum Einsatz“, sagt Julia Rieke, die beim Online-Magazin bento, dem jüngeren Online-Auftritt von Spiegel Online, für Social Media, Web-Themen und Quizze zuständig ist. Denn Follower und Likes sind nicht nur Geld, sondern wirken zudem wie Sympathiepunkte: Je mehr es sind, desto beliebter erscheint eine Person, eine Marke, oder gar eine Partei.

Aber bleibt nicht die Authentizität eines Accounts oder einer Person auf der Strecke, wenn man sich vordergründig um die Followerzahl und Likes statt den eigentlichen Content sorgt? Dazu schreibt Bloggerin Jana Wind auf ihrer Webseite Bekleidet.net: „Wenn du auf Instagram gelten willst, musst du mittlerweile fast nach diesen Regeln spielen, sonst bist du ganz schnell weg vom Fenster. Aber das ist auch der Grund, weshalb ich zur Zeit kaum noch aktiv bin bei Instagram und mir denke, dass die App ihren Peek mittlerweile fast erreicht hat.“
Diesen Peek haben soziale Netzwerke wie Myspace schon lange erreicht. Und wer interessiert sich schon noch für StudiVZ?

Genau wie auf Facebook ist bei Instagram ein Algorithmus entscheidend dafür, wie erfolgreich ein Post letztendlich wird – wie viele Likes er bekommt, wie viele Follower dadurch vielleicht dazugewonnen werden können. Wie dieser Algorithmus funktioniert, wissen nur die Instagram-Macher selbst. Viele Blogger vermuten, dass vor allem die Anzahl an Likes vom Algorithmus eingeordnet werden kann. Das nimmt auch Julia Rieke an: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Instagram Beiträge, die gut laufen, zusätzlich pusht, ist sehr hoch“, sagt sie. „Hohe Interaktion bedeutet für Instagram, dass Menschen aktiv auf der Plattform unterwegs sind, was natürlich in deren Interesse ist.“

Doch spielen bei dem Erfolg eines Posts tatsächlich nur noch die Gefällt-mir-Klicks eine Rolle? Ist es überhaupt noch möglich, allein mit gutem Content auf Instagram zu wachsen? Leonie Hanne, die mit einer Million Follower auf Instagram eine der erfolgreichsten deutschen Influencer ist, sagt Ja. Ein schönes Bild sei nach wie vor das wichtigste, betonte sie im Gespräch mit dem Online-Portal OnlineMarketingRockstars. An die Qualität der Beiträge glaubt auch Julia Rieke nach wie vor: „Es kommt immer darauf an, wie man die Inhalte verkauft. Die Aufbereitung, egal in welcher Form, ist extrem wichtig.“ Sie ist zudem überzeugt, dass der Erfolg auch davon abhängig ist, wie sehr man mit Trends geht: „Wer bei Facebook eine große Reichweite erzielen möchte, setzt zurzeit auf Videos. Wer bei Instagram mehr Aufmerksamkeit bekommen möchte, verwendet zusätzlich auch Instagram-Stories. Oft gehört aber auch einfach ein bisschen Glück dazu: Wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort postet …“
Bloggerin Vreni Frost arbeitet gerade daran, ihre Follower-Zahl auf Instagram wieder extrem zu reduzieren – oder wie sie schreibt: nach unten zu frisieren. Fake-Accounts blockiert sie. Und unter dem Hashtag #neverevernotreal hat sie eine Kampagne gestartet, mit der sie ihre Kollegen dazu aufruft, ehrlicher zu sein. „ich möchte, dass die plattform wieder transparenter wird “, schreibt sie.

Foto: XoMEoX/Flickr (cc), Fotomontage: Sophia

Sophia

von

Gerechtigkeit, Loyalität, Vertrauen;
Kontostand: meist kurz vor dem Minus dank meiner Leidenschaft für Vintage-Kleidung

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