Der versteckte Rassismus im Alltag

Es sind nicht nur die leicht dümmlichen Bemerkungen, die mich zum Nachdenken anregen, sondern auch die Tatsache, dass ich als Dunkelhäutige eine Randgruppe darstelle und in vielerlei Hinsichten vernachlässigt werde. Man braucht nur einen Blick in die Modewelt zu werfen: Professionelle, dunkelhäutige Models kann man an einer Hand abzählen. Warum? Weil viele Unternehmen oder Designer auf Nummer sicher gehen und sich vor negativen Schlagzeilen schützen wollen und deswegen eher weiße Models engagieren als Schwarze.

In Modezeitschriften sind die meisten Models weiß. Schminktipps beziehen sich immer auf die weiße Haut, Frisuren immer auf das glatte Haar. Oftmals werden farbige Models nicht geschminkt, weil gar kein passendes Make-up vorhanden ist. Ich als Ghanaerin könnte niemals zu Rossmann gehen oder in einen anderen Drogeriemarkt mit dem Ziel, Schminke zu kaufen. Stattdessen muss ich viel tiefer ins Portemonnaie greifen und zu Luxus-Labels wie MAC oder Bobby Brown greifen, um das passendes Make-up in meiner Farbe kaufen zu können. Umso erstaunlicher war es für mich, neulich bei Germany’s Next Topmodel die neue Maybelline-Werbung zu sehen. „Fit Me“ heißt das neue Make-up der Marke. In der Werbung heißt es, dass nun mit 16 Nuancen jede Frau endlich das perfekte Make-up haben kann. Dies war für mich einerseits schön zu sehen, dass endlich eine Integration stattfindet, andererseits fühle ich mich immer noch ziemlich peinlich berührt, dass Deutschland so lange gebraucht hat, um zu begreifen, dass es auch Frauen gibt, die eine andere Hautfarbe haben. Es ist ziemlich befremdlich, plötzlich eine Make-up-Werbung für Schwarze zu sehen – besonders in Deutschland.

Muss tatsächlich erst eine Dunkelhäutige bei Germany’s Next Topmodel mitmachen, um auf die Thematik des versteckten Rassismus im Alltag aufmerksam zu machen? Ich wollte es genauer wissen und bin einen Tag später zu Rossmann, um zu sehen, ob ich tatsächlich das perfekte Make-up bzw. meine Farbe finden würde. Enttäuschend stellte ich fest, dass die Werbung nur reines Gelaber war. Denn das, was ich vorfand, war weit weg von dem, was proklamiert wurde. Wieder ein monotones Bild und eine eurozentrierte Ästhetik. Es mag sein, dass die weiße Hautfarbe die der kaufkräftigeren Kundin ist, jedoch ist für mich nach wie vor eine derart ignorante Einstellung unverständlich.

Sollte ein mächtiges System, wie die Mode, nicht das repräsentieren, was draußen auf der Straße zu sehen ist? Vielfalt! Verschiedene Gesichter, Kulturen und Individuen. Unzählige Designer sind der Meinung, dass die gewohnten Stereotype und Schönheitsideale, die durch Models verkörpert werden, viel mehr mit der Idee der Identifikation zu tun haben. Nehmen wir das Beispiel Dior. Die stilistische DNA des Modehauses ist seit über 70 Jahren der französische Luxus. Wenn nun plötzlich auf fernöstliche Exotik umgestellt wird, wäre es nicht mehr glaubwürdig. Es ist angeblich also keine Rede von Rassismus, sondern Models sollen schlicht und ergreifend der traditionellen und stilistischen DNA des Hauses entsprechen. Solange also die Mode von großen Traditionsmarken aus Europa oder USA regiert wird, wird sich so schnell nichts daran ändern, dass die meisten Models weiß sind.

Rassismus also aus Angst um die eigene Existenz? Es scheint nicht nur in der Modewelt ein Tabu-Thema zu sein, sondern im Alltag vieler junger Frauen präsent zu sein. Dieses Gefühl nicht vollkommen zu sein, nicht dazuzugehören und weggestoßen zu werden, ist etwas, was ich niemandem wünsche.

Ich werde immer wieder gefragt, woher ich denn komme? Als Antwort nenne ich immer die Hansestadt Hamburg, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Daraufhin wird nach meinen Wurzeln oder nach meinen Eltern gefragt. Im schlimmsten Fall heißt es: „ Aber wo kommst du ursprünglich her?“

Obwohl ich mich inzwischen an solche Szenarien gewöhnt habe, war ich doch komplett überrascht, als meine damalige Dozentin in die Runde sagte: „Wie ihr sehen könnt, sieht Stacie ja nicht wie eine typische Deutsche aus.“ Und dann wurde es plötzlich zu einem Ratespiel, wo ich denn „ursprünglich“ herkäme. Die Antworten waren ziemlich eindeutig: Afrika.

Wie sehen denn eigentlich „richtige“ Deutsche aus? Der Kern des Problems ist, dass es nicht akzeptiert wird, dass ich mich als Deutsche verstehe, weil ich nicht deutsch genug aussehe. Es ist ganz egal, ob ich dort geboren wurde, ob ich Angela Merkel mag, gerne Schnitzel esse oder irgendein anderes Klischee erfülle. Ich bin aufgrund meines Aussehens für viele Leute einfach keine Deutsche. Dies zeigt, finde ich, dass Rassismus noch immer ein aktuelles Problem ist – egal wie subtil er heute auch sein mag.

 

 

 

 

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