Die Kunst des Dazwischen

Am vergangenen 1. Mai versammelte sich die A-Prominenz zur jährlichen Met Gala im Metropolitan Museum in New York City. Das Motto des Abends: Die Kunst des Dazwischen zu Ehren von Rei Kawakubo und ihrem Modelabel Comme des Garçons.

Die Met Gala gilt als eines der Highlights in der Modewelt. Doch kommen darf nur, wer von Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanische Vogue, eine Einladung bekommt. An diesem Abend wird die neue Ausstellung im Metropolitan Museum glamourös im Blitzlichtgewitter eröffnet. Durch die Gala werden jedes Jahr Millionen Dollar eingenommen, die an das Kostüminstitut des Museums gehen. Das Besondere des diesjährigen Abends: Die japanische Designerin Rei Kawakubo ist nach Yves Saint Laurent im Jahr 1983 die zweite Künstlerin, die zu Lebzeiten gewürdigt wird.

In der Mode gilt Kawakubo als Hohenpriesterin der Avantgarde. Bei der Eröffnung der Gala sagte Wintour: „Sie ist ein Genie. Sie denkt nicht nur außerhalb des Rahmens, sie erkennt den Rahmen nicht einmal an.“ Die 74-Jährige studierte zunächst Kunst an der Keio-Universität in Tokio. Im Jahr 1967 beschloss sie, als freie Stylistin zu arbeiten. Doch die vorherrschende Mode der 60er und 70er in Japan missfiel Kawakubo und sie gründete im Jahr 1973 ihr Label Comme des Garçons. Mit ihrer Entscheidung, selbstständig in der Modewelt tätig zu sein, brach sie nicht nur die japanische Tradition – sie brach mit ihren Entwürfen auch die bestehende Designphilosophie.

Kawakubo ist bekannt für ihren radikalen und extravaganten Stil. Ihre erste Präsentation in Paris 1981 zeigte eine mit Löchern übersäte Kollektion, neuen Formen und düsteren Farben. Kritiker bezeichnen ihre Designs als „postatomaren Fetzenlook“. Weitere Kollektionen im Verlauf ihrer Karriere zeigen durch Wattierung entstandene Wülste und Buckel an Kleidern und Entwürfe, die an Skulpturen erinnern. Bei solch einer Künstlerin sind die Erwartungen an die Outfits vor der Treppe des Metropolitan Museums groß. Sie selbst ist schlicht gekleidet, verschwindet schnell im Hintergrund und überlässt den großen Auftritt den Stars.

Doch was wir zu sehen bekamen, war traurig. Nein, peinlich. Statt die Künstlerin zu würdigen, setzten Stars ihre Sexyness in Szene. Glitzer und Glamour im Stil der 20er-Jahre, transparente Abendmode und betonte Taillen. Das haben wir schon 100-mal gesehen. Langweilig. Am schlimmsten: Der Kardashian-Jenner-Clan, der scheinbar die Einladung nicht richtig durchgelesen hat. Kim, eingekleidet von Vivienne Westwood, sah aus wie die Naturgöttin Demeter. Kendall trug einen glitzernden Hauch von Nichts des Labels La Perla. Kylie entschied sich für den Beyoncé-Look des vergangenen Jahres – Thema verfehlt. Ganz nach dem Motto „Ist das Kunst oder kann das weg?“ erschien Jaden Smith. Zwar im schlichten, schwarzen Smoking, doch mit seinen abgeschnittenen Dreads als Accessoire. Auch Katy Perry setzte auf die Schock-Taktik: Ein Imagewechsel vom Barbie-Girl zu einem von Margiela verschleierten Vamp. Blake Lively, Ashley Graham und Rita Ora sahen aus, als kämen sie gerade von einer türkischen Hochzeit. Und bei Madonnas Militärlook wünschten wir uns, ihre Tarnung hätte funktioniert.

Doch auf ein paar Wenige war, wie immer, Verlass. Solange Knowels, Gigi Hadid und Pharrell Williams’ Frau zeigten sich ganz im Stil der Designerin. Unser Preis für das Outfit of the Night ging, wie nicht anders zu erwarten, an Rihanna. Ihr zweiteiliges, dreidimensionales Blumenkleid von Comme des Garçons mit farblich passenden Schnürsandalen von Dsquared2 war das Highlight auf dem blau-beigen Teppich. Die Wahrscheinlichkeit, dass Rihanna im kommenden Jahr wieder eine Einladung erhält, ist sehr hoch. Die restliche Gästeliste sollte Anna Wintour jedoch noch mal überdenken.

Illustration von Kiquy Pham (www.instagram.com/kiquy)

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