Wenn Mode Leben rettet

Als Angela Luna das Thema ihrer Abschlusskollektion bekannt gab, wusste sie nicht, dass sie mit ihrer Mode später vielen Menschen das Leben retten würde. Die Professoren der Parsons School of Design waren geschockt, niemand hatte zuvor so etwas gewagt. Das Thema lautete „Design for a Difference“ und es klingt mehr wie ein politischer Claim als das Motto einer Laufstegkollektion. Die Idee war, funktionale Kleidung für Flüchtlinge zu machen – ein Projekt, auf dem die 23-Jährige nun Vorreiterin ist.

Die Inspiration für dieses Motto kam mit der Flüchtlingswelle im Jahr 2015. Bilder von Menschen, die zu Fuß quer durch Europa laufen, fluteten die globalen Nachrichtenkanäle. Bilder, wie die des toten Aylan Kurdi am türkischen Strand. „Als ich diese Szenen sah, habe ich es nicht mehr ausgehalten. Ich musste irgendetwas tun“, sagt Angela Luna. Sie beschreibt es als Gefühl, wirklich aufgewacht zu sein. Zuvor hatte sie sich mit ihrer Klasse auf die Abschlussprüfungen vorbereitet – schlaflose Nächte an Nähmaschinen und jede Menge Kaffee. „Ich war es Leid, Kleider zu entwerfen, die man nur einmal anzieht.“ Doch ist es ihrer traditionellen Designausbildung zu verdanken, dass sie nun Mode entwirft, in der sie einen Sinn sieht.

Die Designerin Angela Luna in einem ihrer Entwürfe (Credits: Angela Luna, Jessica Richmond)

Doch wo fängt man an bei einem Projekt, wo sich der Prototyp erst noch erfinden muss? Angela begann nachzuforschen, was die dringendsten Bedürfnisse für Menschen auf der Flucht waren. Innerhalb einer Woche entstanden daraus die Outfits, die auch das Herzstück der Abschlusskollektion wurden: eine Jacke, die sich mit ein paar Plastikstangen zum Zelt umbauen lässt, ein Schlafsack, der tagsüber als Mantel dient und ein Regencape mit integrierter Rettungsweste. Durch dreidimensionales Zeichnen entwickelte sie die ersten Schnittmuster und bliesen jede Skepsis der Dozenten weg. Schon bevor der erste Prototyp stand, war sie das Gesprächsthema der ganzen Universität. „Alle waren geschockt und gleichzeitig neugierig wie es aussehen würde.“

Einige Wochen später steht Angela Luna gespannt hinter dem Vorhang, der sie von der kritischen und verwöhnten Jury der Parsons School trennt. Wie würde sie es aufnehmen? Eine wahnwitzige Idee, die nur viel Staub aufwirbelte? Entwürfe, die besser in einer Militärkaserne aufgehoben wären, als auf dem Runway? Sekunden später brach das Eis. Das Publikum raste, die Jury nickte anerkennend – und zeichnete sie als Preisträgerin des Womenswear Designer of the Year aus.

Kurz darauf buchte sie einen Flug nach Griechenland. Es ist eine der beliebtesten Zufluchtsorte für Flüchtlinge, die sich von dort aus weiter Richtung Mitteleuropa durchschlagen. Das erste Mal würde sie ein Flüchtlingsheim besuchen. In ihren Koffern hatte sie lediglich ihre Entwürfe. Sie wollte sich davon überzeugen, wie die Menschen, für die sie Kleidung kreiert, ihre Idee aufnehmen. Sie dachte durch ihre Recherchen und die Bilder, die man in den Medien sieht, wäre man vorbereitet. Sie täuschte sich. „Der erste Kontakt zu Flüchtlingen war schwer, denn neben der Sprachbarriere blieben die Menschen auch mental eher für sich“, erzählt die Designerin. Nach dem dritten Tag im Camp sah Angela ein Mädchen, das beobachtete, wie man das Zelt aufbaut. Sie war acht Jahre alt und kam aus Syrien. Als Angela ihr von ihrem Projekt und ihrem Traum erzählte, fingen die Augen des Mädchens an zu leuchten. Sie fragte das Mädchen, welches Teil sie am liebsten haben würde. „Dieses . . . Nein, eigentlich das hier . . . Nein das!“ Am Ende hat sie auf alle gezeigt. Sie wurde Angelas Übersetzerin, ihre erste Freundin im Camp.

Obwohl sie sich der politischen Wirkung ihres Designs klar ist, wusste Angela anfangs nicht, dass sie sich überhaupt für Politik interessieren würde. Mode und Politik war eine Kombination, die bisher undenkbar gewesen ist. Mittlerweile findet sie, dass sich die Modeindustrie der Verantwortung entzieht. Sie erklärt: „Ich glaube, dass sich Mode selbst im Weg steht. Unsere Welt hat sich verändert und die Modeindustrie hat die Verantwortung, sich mit ihr zu verändern. Designer, die das nicht realisieren, sind einfach verantwortungslos.“
Derzeit baut Angela ihre Kollektion aus und hat ihre eigene Firma, Adiff, gegründet, durch die ihre Kollektion beworben und verkauft wird. Das Prinzip ist einfach: Wenn man eine Jacke kauft, sind in dem Preis schon die Produktionskosten für eine zweite Jacke enthalten, die an einen Geflüchteten gespendet wird. Ein Gedanke und eine Kollektion, die die Grenzen der Mode neu definiert.

www.adiff.com
www.instagram.com/adiffbrand

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