Dir fehlt die Erkenntnis

In dem Film Her aus dem Jahr 2013 spielt Joaquin Phoenix den introvertierten Schriftsteller Theodore Twombly, der Liebesbriefe in Auftragsarbeit für andere Menschen schreibt. Der Film spielt in naher Zukunft. Theodore Twombly verliebt sich in ein neues und intensiv beworbenes Betriebssystem, das sich mit weiblicher Identität und sehr angenehmer Stimme auf seinem Rechner installiert. Samantha, so ist ihr Name, ist von nun an das Wichtigste für ihn. Doch Theodore ist nicht der Einzige für Samantha. Sie bestätigt ihm, dass sie sowohl mit 8316 weiteren Menschen als auch Betriebssystemen in engem Kontakt steht. In 641 davon sei sie inzwischen verliebt. Für Theodore bricht seine Welt zusammen. Der Film thematisiert künstliche Intelligenz und die Frage, ob Maschinen Gefühle entwickeln können. Ob sie uns ebenbürtig, eigenständige Entscheidungen treffen können. Ein Drama. Aber könnte es in naher Zukunft wirklich wahr werden? Und wenn ja, sind Maschinen dann auch zu kreativem Denken fähig?

Ich sitze auf dem Boden in Raum L2, auf der Media Convention Re:publica. Mads Pankow wird über das Thema „Künstliche Kreativität — Was taugt der Rembrandt aus dem Automaten?“ sprechen. Pankow ist der Herausgeber der Zeitschrift für Gegenwartskultur DIE EPILOG und Politikberater bei der Zentralen Intelligenz Agentur. Im dunkelgrauen Anzug und braunen Lederschuhen fängt er seine Rede mit viel Witz an: „Das ist Achim. Er wurde von einem Computer gemalt“, sagt er. Auf dem Monitor erscheint ein Bild mit einem Mann im Seitenprofil. Achim trägt einen Hut und einen Bart, sein Blick ist auf uns gerichtet. Ein typisches Rembrandt-Bild, nun eben nicht von ihm. „The New Rembrandt“, so heißt das Gemälde, wurde tatsächlich von einem Computer hergestellt. Ganze 18 Monate lang dauerte das.

Vier Jahre zuvor kam eine Studie der britischen Universität Oxford heraus, die besagte, dass viele unserer heutigen Berufe in Zukunft durch Computer ersetzt werden. Auch Berufe der Kreativbranche. Für viele war das ein Schock. Doch Mads Pankow beruhigt uns: Künstliche Intelligenz kann allenfalls Dinge, rekombinieren und imitieren und Kreativität simulieren.  Sie kann Muster erkennen und dann selbst anwenden und Neuerungen durch Verknüpfungen schaffen. Dabei wendet sie vorgegebene Regeln an. Und sie kann Evolution: Sie findet Lösungen durch Versuch und Irrtum.

Pankow zeigt einige Beispiele, bei denen man genau diese „Verhaltensmuster“ erkennen kann. Jukedeck, einen künstlichen Komponisten, der nach Wunsch einen Song komponieren soll. Oder auch Chef Watson, den künstliche Koch. Das Konzept hinter Chef Watson ist, dass man ihm sagt, was man im Kühlschrank hat und er aus diesen Zutaten ein neues Rezept zaubert. Echte Köche, so Pankow, sind von den Ergebnissen bisher mäßig begeistert. Das wohl verrückteste Bespiel ist aber ein Roboter aus Japan, der als Kreativ-Direktor in einer Agentur angestellt wurde. Er schrieb ein Skript für einen Kaugummi Werbespot bei dem ein Hund die Hauptrolle spielen sollte. Das war den Kunden aber zu skurril. Sie entschieden sich im Nachhinein doch für einen menschlichen Entwurf. Deutlich wird, dass ein Algorithmus vieles schon kann. Ohne die Hilfe des Menschen ist er jedoch aufgeschmissen.

Es ist ähnlich, wie mit einem Foto: Es kann nie das einfangen, was ein menschliches Auge aufnehmen kann. Die Farben, die Formen, die Dreidimensionalität, den Moment. Und das Gefühl. Das kennt der Computer (noch) nicht.

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