Don Slapstick

Don Giovanni ist ein Frauenheld und notorischer Lügner. In der Komischen Oper zu Bestaunen: eine der ungewöhnlichsten Inszenierungen des bekannten Opernwerks.

Der größte Frauenverführer aller Zeiten treibt wieder sein Unwesen – und zwar in der Komischen Oper Berlin. In Herbert Fritschs Inszenierung wird Don Giovanni zum rebellischen Lebemann, bei dem allerdings auch nicht alles mehr so glatt läuft wie früher. Mit schelmischen Grinsen, geschminkt als Clown versucht er das ganze Stück über seine ehemalige Geliebte Donna Elvira zu besänftigen und gleichzeitig neue Verehrerinnen wie die naive Dorfschönheit Zerlina oder die elegante Dame Donna Anna für sich zu gewinnen. Doch er hat die Rechnung ohne seine Widersacher gemacht. Don Ottavio, der Verlobte von Donna Anna, möchte den Mörder ihres Vaters finden und findet schließlich heraus, dass es sich hierbei um Don Giovanni handelt. Der ermordete Vater selbst tritt am Ende des Stücks als „steinerner Gast“ in Erscheinung und hat natürlich mit dem Frauenverführer ebenso noch eine Rechnung offen…

Der Vorhang fährt nach oben. Eine johlende Menge in bunten, spanischen Kostümen stürmt die Bühne, zerschmeißt lachend Geschirr auf dem Boden und verschwindet ebenso schnell und laut, wie sie gekommen ist. Es ist mein erstes Mal in der Komischen Oper Berlin und die letzte Aufführung in dieser Saison von Mozarts Klassiker „Don Giovanni“, inszeniert von Herbert Fritsch, hat gerade begonnen.

Betrachtet man das graue, kastenförmige Gebäude von außen, ahnt man nichts von seiner inneren Schönheit. Doch als ich die Komische Oper betrete, finde ich mich plötzlich in einer beeindruckenden, klassisch anmutenden Umgebung wieder.  Rote Teppiche, wunderschöner Stuck und jede Menge Gold. Als kleinste und jüngste der Berliner Staatsopern vertritt die Komische Oper seit ihrer Gründung 1947 ihr ganz eigenes Konzept, das wichtige Impulse für das zeitgenössisch Verständnis der Kunstform Oper setzte: Hier wird modernes Musiktheater gemacht, in dem sich schauspielerischer Anspruch und musikalische Leistung zu gleichen Teilen verbinden.

Don Giovanni ist eigentlich der Inbegriff des Verführers, ein Charmeur, den die Frauen zuerst lieben und dann hassen, immer auf der Suche nach seiner nächsten Eroberung. Doch wenn sich Don Giovanni an der Komischen Oper in Berlin den Frauen nähert, ist vom Charme eines Eroberers wenig zu spüren. Mit blonder Perücke, roten Lippen und dicken, schwarzen Augenringen scheint er einem Batman-Film entsprungen zu sein – ein Teufel in Clownskostüm. Er gurgelt, stottert und lallt – als Verführer kommt er für mich nicht ernsthaft infrage. Vielmehr wirkt er lächerlich, wie er hier umkoordiniert über die Bühne springt. Mit seiner großartigen schauspielerischen und gesanglichen Leistung erweckt Günter Papendell den Psychopathen in Giovanni charismatisch zum Leben.

Doch von Beginn treten die gesanglichen Stärken der Darsteller zugunsten von großen Gesten, Grimassen und viel Slapstick in den Hintergrund. Was ich am Anfang noch lustig finde, wirkt allzu schnell zu aufgesetzt und wird mit der Zeit – immerhin dauert die Vorstellung über drei Stunden – anstrengend. Es ist, als ob ich einem zwanghaft witzelnden Menschen gegenübersitze. Don Giovannis Probleme mit seinen Degen wiederholen sich genauso vorhersehbar wie Donna Annas Knicks bei jedem Szenenapplaus und Don Ottavios Griff in den Schritt. Man muss es eben nur oft genug machen, irgendwann lacht jeder mal – Slapstick vom Feinsten. Natürlich gibt es auch wirklich lustige Momente, wie etwa Don Giovannis ausgiebigem Luftgitarren-Solo samt abschließender Luftgitarren-Zertrümmerung vor dem Balkon seiner neuesten Eroberung, bei denen sich alle kaum halten können.

Beeindruckender Weise kommt das Stück nahezu ohne Requisiten und aufwendiges Bühnenbild aus. Lediglich schwarze Spitzenvorhänge, deren Muster mich an den Trauerschleier der Donna Anna erinnern, bewegen sich unablässlich über die Bühne, sodass der Fokus noch besser auf den grell angezogenen Darstellern liegt.

Regisseur Herbert Fritsch lässt seine Charaktere der Absurdität verfallen, Tradition und Logik interessieren ihn nicht. Getreu dem Motto: Alles kann, nichts muss – und es muss eben auch nicht allen gefallen.  Ein Mann links von mir verschläft fast die ganze Vorstellung und verlässt den Raum, noch bevor sich die Darsteller das erste Mal verbeugt haben. Bereits nach der Pause hatten sich die Plätze des Hauses gelichtet und am Ende mischen sich auch einige Buhrufe unter den Beifall. Die Mischung aus Tradition und Absurdität gefällt offensichtlich nicht jedem. Auch für mich waren die Übertreibungen und Überinszenierungen an manchen Stellen zu viel.

Bild: Monika Rittershaus

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