Drei Tage Kunst

Das Gallery Weekend verwandelt ganz Berlin in eine große Ausstellung. Ein inspirierender Rundgang durch die pulsierende Kreativszene Berlins

Erneut öffneten vergangenen Mai beim alljährliche Gallery Weekend sämtliche Galerien der Hauptstadt ihre Türen und Tore. Inzwischen kann es auf eine dreizehnjährige Erfolgsgeschichte zurückblicken und auch dieses Jahr drängten sich an den drei Tagen rund 1.200 geladene nationale und internationale Sammler und Kuratoren sowie rund 25.000 Kunstinteressierte durch die Berliner Galerien. Der diesjährige Rundgang ist allerdings nicht nur ein Parcours durch Berliner Kunstareale, sondern die ausgestellten Werke und ihre Präsentation verweisen auf ein mächtiges Thema – den Raum. Fabian Knecht erschafft ihn, indem er ein Stück Landschaft in der Antarktis mit vier weißen Wänden umzäunt. Das diesjährige Gallery Weekend beeindruckt die Besucher mit spektakulären Räumen, die mit allen Sinnen erlebbar sind. Wir waren vor Ort und haben uns ein Bild gemacht.

Erster Stopp: die Galerie Blain|Southern in der Potsdamer Straße. Die Räumlichkeiten in der ehemaligen Druckerei des Tagesspiegels sind ein beeindruckender Ort: Ein Glasdach lässt die Sonne in den rund 20 Meter hohen Raum und bietet die optimale Bühne für das intensive Seherlebnis, das sich den Besuchern dort bietet. Insgesamt 18 Werke der Berliner Malers Jonas Burgert hängen in der Galerie. Doch beim Betreten habe ich – wie vermutlich die meisten Besucher – nur Augen für „Zeitlaich“, ein 22 Meter langes und sechs Meter hohes Panorama-Gemälde, das vor meinen Augen ein Endzeit-Szenario formt. Die bunten Farben im Kontrast zu den weißen Wänden der Galerie ziehen die gesamte Aufmerksamkeit auf das Opus Magnum, vor dem die Besucher die Köpfe recken, um es in seiner Gesamtheit zu erfassen. Ich versuche, das Bild zu lesen, sehe Männer auf Stühlen in einem düsteren Raum. In der Mitte fokussiert ein Mann mit gefesselten Händen den Besucher eindringlich. Von dort nimmt die Anarchie seinen Lauf. Dämonenartige Wesen bahnen sich ihren Weg nach außen. Die Szenen verdichten sich. Es ist ein wildes Zusammenlaufen von Tierkörpern, Wesen mit hässlichen Fratzen, menschenähnliche Erscheinungen und klavierspielende Figuren. Man steht einem Albtraum in überwältigender Größe gegenüber. Um das ganze Werk erfas­sen zu können, muss man viel physi­sche und geis­tige Kraft aufbrin­gen. Einen Ausgleich verschafft der lichtdurchflutete Raum. Der Blick wandert weg vom Gemälde und seinen Details und man verliert sich in der Weite der Halle.

Die Galerie ins Zentrum zu stellen, ist seit Beginn ein wichtiges Anliegen der Veranstaltung. Das Gallery Weekend ist deshalb eine großartige Gelegenheit, um neue Ausstellungsräume zu eröffnen: In diesem Jahr ist es die Galerie Esther Schipper. Zwei Stockwerke über dem BlainISouthern weihte die Kuratorin während des Weekends ihre neue Galerie ein. Der Andrang auf die Galerie ist groß. Menschenschlangen winden sich über die Treppen hoch zur Dachetage. Schon beim Betreten der weitläufigen, lichtdurchfluteten Räume höre ich leise Klaviermusik. Sie kommt aus einem mit schweren Vorhängen abgeschirmten Raum. Dort läuft die politische Sound- und Videoinstallation „Take Over“ des albanischen Künstlers Anri Sala. Der Raum ist stockdunkel, nur eine von beiden Seiten mit Videoprojektoren bespielte Wand, durchtrennt von zwei reflektierenden Glasscheiben. Auf der Leinwand bewegen sich Klaviertasten in Großaufnahme, die wie von Geisterhand spielen. Sie formen die Melodie der Marseillaise, die Hymne der Französischen Republik. Die Musik erfüllt den ganzen Raum. Andere Menschen nehme ich nicht mehr wahr, sehe nur noch ihre Silhouetten, die sich ohne Geräusche durch den Raum bewegen. Ich gehe an die gegenüberliegende Seite. Die Musik verändert sich. Sie wird härter. Hände erscheinen auf der Leinwand, hauen wild in die Tasten und spielen ein anderes Musikstück: die Internationale, das Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung. Sala legt beide Melodien übereinander und spielt sie gegeneinander bis zum Klangchaos aus. Ein Rhythmus, wie marschierende Massen. Ich werde überwältig von der Gewaltigkeit der Musik, die den Raum beherrscht und doch im perfekten Einklang mit ihm steht.

Auch einen sakralen Raum nutzt die Kunst für sich. In der einstigen St. Agnes Kirche in Kreuzberg, an deren Außenwand ein fettes Europa-Leuchtschild hängt, feiert Anselm Reyle seine Rückkehr in die Kunstszene in der Galerie König. Bei der Installation Eight Miles High übernehmen drei im Kirchenraum hängende bis zu fünf Meter große, in sich rotierende Metallskulpturen den Raum: eine Raute, ein Kreis und ein Quadrat lassen farbige Lichtreflexe auf den Betonwänden tanzen. Eine kinetische Installation, die durch den sakralen, hohen Bau eine beeindruckende Stärke bekommt. Ich stelle mich unter die Raute, die Spitze ist auf mich gerichtet und dreht sich über mir.

Gute Kondition ist Voraussetzung beim Galerie-Hopping zwischen Kreuzberg, Mitte und Charlottenburg. Doch die Anstrengung lohnt sich. Denn was Berlins Galeristen in ihren Räumlichkeiten an Kunst zu bieten haben, ist nach wie vor spektakulär und lässt auf nächstes Jahr hoffen.

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