Dresscode in der Oper – was würde Karl davon halten?

Es ist kurz vor 18 Uhr an einem frühlingshaften Dienstagabend. Ich trage einen schrecklich warmen, dunkelroten Blazer über einem schwarzen Langarmshirt und eine dermaßen weite Schlaghose, dass ich beinahe über den schweren Stoff stolpere. Von den High Heels will ich gar nicht erst reden! An dieser Stelle würde ich gerne allen Ärzten, Bauarbeitern und Nonnen, die diesen Text lesen, ein großes Lob aussprechen. Unabhängig von eurem sehr unterschiedlichen Arbeitsalltag, werdet ihr in einer Hinsicht vollkommen unterschätzt: Dienstkleidung ist etwas Grässliches. Immer. Sie sitzt meist schlecht, betont Problemzonen (oder eben gar nichts) und stinkt in den meisten Fällen ganz erbärmlich. Doch ihr beschwert euch niemals – zumindest nicht während der Dienstzeit.

Es gibt nur eine Sache, die schlimmer ist als die Kleidung, die Menschen während der Arbeit tragen: die Kleidung, die andere Menschen tragen, während du arbeitest. Denn seit drei Monaten arbeite ich nun in der Berliner Staatsoper im Schillertheater – meist an der Garderobe. Im Grunde gibt es keinen Nebenjob, der das geistige Niveau einer Studentin weniger fordert. Ich stehe für gewöhnlich eine Stunde vor Vorstellungsbeginn mit meinem Kollegen im Foyer und nehme Jacken, Mäntel, Fahrradtaschen, Jutebeutel und hin und wieder die Wocheneinkäufe der Gäste entgegen. Die zwei meistgestellten Fragen lauten „Wo finde ich denn die Damentoilette?“ oder „Könnten Sie mir sagen, wo sich das Herren-WC befindet?“ Während der Vorstellungen verbringe ich meine Pause meist mit Kollegen beim Rauchen, in der Kantine oder mit einem guten Buch hinter der Garderobe. Klingt ziemlich tiefenentspannt. Ist es auch!

Doch gerade im Hochsommer wird die produktive Zeit meiner Arbeitsstunden geradezu verschwindend gering. Dass die Gäste bei 25 Grad Außentemperatur Schlange stehen, um ihre Winterjacken abzugeben, kommt doch eher selten vor. Was bleibt also anderes zu tun, als die Menschen zu beobachten, die sich freudig im Foyer tummeln und bei einem Glas Sekt dem Vorstellungsbeginn entgegenfiebern?

Mit den Operngästen ist es wie mit diesen kitschigen Hollywoodkomödien, bei denen ein dreiminütiger Trailer genügt, um die gesamte Storyline zu kennen. Man fühlt sich befriedigt anhand der platten Klischees, die vor den eigenen Augen erfüllt werden. Geschätzte 70 Prozent der Gäste lassen sich mit der liebevollen Bezeichnung Ü60 charakterisieren. Ehemänner in klassischen Anzügen und die Gattin im Kostüm, Seidenblusen, Perlenohrringe und schwarze Pumps so weit das Auge reicht. Die restlichen 30 Prozent stechen aus dem edlen Gesamtbild heraus, wie der Papst beim Rock am Ring. Da sieht man junge Frauen in schwarzen Lackleder-Einteilern, 40 Jahre alte Bierbäuche, die offensichtlich gewaltsam in viel zu enge Karohemden gepresst wurden und hippe Jogginghosen, die ihre wahre Größe erst durch die Kombination mit 3 Euro teuren C&A-Flip-Flops zu entfalten scheinen. Ja, ihr habt richtig gelesen: Flip-Flops in der Oper!

Doch was wir hier ironisch auf die Schippe nehmen, ist leider bittere Realität. Das Tragen von Festbekleidung in der Oper basiert nicht umsonst auf uralten Traditionen. Es geht darum, Respekt vor der Kunst, der man sich widmet, zu demonstrieren. Unsere Kultur als eben jenes Privileg anzusehen, das sie auch ist. Auch angesichts der Preise für eine Karte ist es kaum vorstellbar, dass nach der Arbeit nicht mal mehr zehn Minuten Zeit bleiben, um sich etwas „Netteres“ anzuziehen. Wir erwarten ja nicht von jedem Ü30-Gast eine Perlenkette oder den schicken Chanel-Blazer. Doch um einen der größten Modeschöpfer unserer Zeit zumindest ansatzweise zu zitieren: Wer die heiligen Hallen der Oper in einer ranzigen Jogginghose betritt, hat eindeutig die Kontrolle über sein Leben verloren.

Foto: Lilian Engelhardt Model: Rahil Alamshahi

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