Ein bisschen 90er gegen den Erwachsenen-Stress

Luke Mockridge ist ein Kind der 90er Jahre – ein Jahrzehnt, dass offenbar für Witze prädestiniert ist. Zumindest basiert die erfolgreiche Bühnenshow des Comedians komplett auf dieser Zeit, Furbys, Harry Potter und Slime inklusive

Fast alle, die sich an diesem Abend in der Mercedes Benz Arena eingefunden haben, sind mit Center Shocks und Gameboys aufgewachsen, mit Cini Minis und Nokia Handys, deren Akku mindestens drei Tage hielt. Bloß Sylvester, der Zwölfjährige auf einem der vordersten Plätze, kann mit dem Lied der Gummibären-Bande wohl nicht allzu viel anfangen. Dafür bekommt Sylvester im Laufe des Abends von der Bühne aus immer wieder Schoko-Bons zugeworfen – als Entschuldigung für den Spruch „Hast du deine Eltern einmal nach der Herkunft deines Namens gefragt?“. Und auch bei anderen Witzen, die eher nicht für Zwölfjährige geeignet sind. Davon macht Luke Mockridge an diesem Abend viele.

Gerade tourt der 28-Jährige mit seinem Programm „Lucky Man“ durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Die Mercedes-Benz-Arena ist restlos ausverkauft. Da sind etwa 10.000 Menschen, die „Ayyayaya coco jambo ayyayai“ grölen, sobald der Comedian auch nur die ersten paar Takte des Songs anstimmt.

Als Luke Mockridge vor zwei Jahren einen seiner ersten Auftritte bei TV Total hatte, sprach er über die 90er. In seiner Fernseh-Show „Luke, die Woche und ich“ ließ er Kinder Spielzeug und Süßigkeiten aus den 90ern testen. Bei seinem diesjährigen Bühnenprogramm erzählt er genauso wie bei der Show im vergangenen Jahr gerne und viel von seiner Kindheit – in den 90ern. Seit ungefähr zwei Jahren taucht dieses Jahrzehnt immer wieder in unseren Facebook-Feeds oder auf Plakaten an der Bushaltestelle auf: 90er Party hier, 90s-Night da.

Die 90er sind aber nicht nur Musik. Die 90er sind auch „Der Prinz von Bel Air“, „Pulp Fiction“ und nicht zu vergessen: Harry Potter. Tatsächlich ist die Vorstellung, wie Luke Mockridge nur mit einem Zauberumhang bekleidet 1997 durch die Wohnung rennt und „Expecto Patronum“ schreit ziemlich amüsant. Wenn der Comedian eines kann, dann in die verschiedenen Phasen seiner Persönlichkeitsentwicklung schlüpfen. Der Teenager-Luke erzählt von Gruppen-Referaten in der Schule, bei denen es immer Schüler gab, die kein anderer in der Gruppe haben wollte. In Lukes Fall er selbst, der bereits dreimal sitzen gebliebene Sergej und der Junge, der nie spricht. Kennt jeder.

Luke Mockridge schafft es während seiner Show immer wieder, vertraute Situationen zu erzeugen. Auf die 90er Jahre gemünzt bedeutet das: Er verwendet Erinnerungen und erschafft damit ein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb einer Generation. Die vielversprechende Liedzeile „Backstreet’s back“ hat sich längst bewahrheitet. Everybody (yeah) in der Arena kennt den Song. Und wieso sollte man die Vergangenheit auch ruhen lassen, wenn sie doch so viel Spaß macht und auch noch das Wir-Gefühl von damals mit sich bringt. Mit der Wiedervereinigung, kurz vor Beginn des Jahrzehnts, war die Welt schließlich plötzlich in Ordnung. Das ist ein Gefühl, das uns im Jahr 2017 ziemlich gut tut – und beim Publikum von Luke Mockridge auch nach zwei Jahren noch gut ankommt. Denn er weiß, dass Kinder der 90er wissen, was Furbys sind. Und er weiß, sie haben die Teletubbies geschaut. Luke Mockridges Kommentar zur Sendung: „Tinkywinki. Ganz ehrlich, der ist doch schwul.“ Komische Antennen? Ein Staubsauger als Haustier? Ein lachendes Baby als Sonne? Am Ende steht nur ein großes Fragezeichen: „Was ist aus diesem Kind bloß geworden?“

Wie alle Kinder der 90er ist es vermutlich jetzt erwachsen. Statt Nokia-Handys gibt es Smartphones und statt „Snake“ spielt man „Candy Crush“. Das Internet ist mitgewachsen. Die Welt ist schneller, der Job anstrengend. Da wirkt der Gedanke an Center Shocks und Cini Minis nicht nur wegen Donald Trump, Erdogan und Flüchtlingskrise irgendwie entspannend. Das sind Erinnerungen an eine Zeit, in der man noch andere Probleme hatte, Kinder-Probleme. Die hat Luke Mockridge bereits bei seinem Bühnenprogramm im vergangenen Jahr auf den Punkt gebracht: „Ich hab meinen Turnbeutel vergessen“ und „Ich habe den Strohhalm der Capri Sonne einmal komplett durch die Packung gestochen“.

Beim aktuellen Programm „Lucky Man“ wächst Luke Mockridge aber nicht mehr nur in den 90ern auf, sondern auch über die 90er hinaus. Auf die Kindheitserinnerungen folgt der musikalische Part. Dabei parodiert er Vertreter seiner eigenen Generation: Singer- und Songwriter wie Tim Bendzko oder Andreas Bourani. Nachdem er feststellt, dass in deren Songs Körperteile eine große Rolle spielen – Herz, Bauch und Kopf, beschließt er, seinen eigenen Song zu basteln. Um welches Körperteil es geht? „Penis“ entscheidet jemand ganz vorne im Publikum. Luke Mockridge stimmt „Einer von 80 Millionen“ und „Ich bin doch keine Maschine …“ an. Sylvester bekommt ein paar Schoko-Bons.

Bei den deutschen Songs soll es aber nicht bleiben. Am Ende er Show präsentiert Luke Mockridge ein großes 90er Medley. Wie könnte es auch anders sein. 10.000 Menschen grölen wieder. Und zwar alles von „Hit me Baby One More Time“ über „Barbie Girl“ bis hin zu „I am blue, da ba dee, da ba di“. Das ist eine Show die eine ganze Generation daran erinnert: Wir waren dabei.

Foto: Lorenzo Maffucci/flickr/cc

Sophia

von

Gerechtigkeit, Loyalität, Vertrauen; Kontostand: meist kurz vor dem Minus dank meiner Leidenschaft für Vintage-Kleidung

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