Ein Tag im Ramadan

Am 26. Mai hat der islamische Fastenmonat angefangen: In Deutschland leben dann knapp fünf Millionen Muslime für vier Wochen enthaltsam. Was genau machen sie dabei durch? Ein Selbstversuch 

 

Angefangen hat alles mit einer Einladung. „,Um 22 Uhr beginnt das Fastenbrechen“, schreibt mir meine Arbeitskollegin Denise. Es ist das erste Mal, dass ich zu so etwas eingeladen werde. Und wenn man schon zum Fastenbrechen eingeladen wird, dann denke ich, sollte man vorher auch fasten. Ich bin kein Muslima. Bei uns zu Hause ist man katholisch. Weihnachten und Ostern sind wichtig, manchmal nehmen wir uns am Aschermittwoch vor, für die nächsten 40 Tage auf etwas zu verzichten, das hält aber meist nicht lange. Ich glaube, Muslime feiern Ramadan ähnlich wie Christen Weihnachten – ein Fressfest im Kreise der Familie. Der Unterschied: Davor darf man von Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang nichts essen und trinken. Auf Essen zu verzichten, geht wahrscheinlich noch, doch kein Wasser zu trinken, bereitet mir Sorgen.

Der Morgen verläuft schon mal gut. Außer meinem Kaffee vermisse ich nichts, zumal ich sowieso ungern früh etwas esse. Auch die ersten Unterrichtsstunden in der Uni verlaufen problemlos. Ich sitze am Laptop, arbeite ein bisschen vor mich hin, höre der Dozentin zu und warte auf den Hunger. Aus meinen Recherchen erfahre ich, dass der Islam auf fünf Säulen aufgebaut ist. Es gibt das Glaubensbekenntnis, das Gebet, die Almosen, die Pilgerfahrt und eben das Fasten. Für viele Gläubige ist der Ramadan ein sehr spiritueller Monat, in dem sie ihrem Gott Allah näherkommen wollen. Es ist eine Zeit der inneren Einkehr, der Abwendung von Sünden und Lasten und der Besinnung auf das Wesentliche. Man soll lernen, zu verzichten und seine körperlichen Begierden zurückzustellen. Auch Rauchen und Geschlechtsverkehr ist zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang verboten. Eine Übung in Selbstbeherrschung also, und das einen ganzen Monat lang, Tag für Tag.

Gegen zwölf Uhr bekomme ich ein leichtes Magenziehen. Der Körper merkt wohl, dass nichts mehr nachkommt. Darauf folgt ein lautes Grummeln. Im Unterricht ist das sehr unangenehm. Zunächst kann ich es noch ignorieren, aber das Magenknurren wird immer lauter. Ich presse meine Tasche gegen meinen Bauch, um die Geräusche zu dämpfen. Und gerade als ich vor Peinlichkeit bereit bin zur Wasserflasche meiner Kommilitonin zu greifen, ist da wieder Ruhe. Erleichtert, aber immer noch nervös, vergeht die letzte Unterrichtsstunde.

Es ist kurz nach drei Uhr und jetzt kommt der richtige Hunger. Dabei sind es noch immer sechs Stunden bis zum Sonnenuntergang. Zu meinem Unglück muss ich zur Arbeit. Ich bin wegen der Hitze, dem Hunger, aber vor allem wegen dem Wassermangel geschwächt. Trotzdem, die Arbeit muss gemacht werden. Nur wenige können sich am Ramadan Müßiggang leisten. Ich arbeite im Verkauf in einem Modegeschäft. Die ersten zwei Stunden sind eine gute Abwechslung. Ich hetze durch den Laden, hebe Sachen vom Boden auf, falte die Hosen auf den Tischen, berate die Kunden. Als hätte mein Körper die letzten Reserven für einen neuen Kräfteschub genutzt.

Doch die letzten drei Arbeitsstunden werden lang. Mein Mund trocken, ein Brennen um die Augen, die Lider schwer. Der Hunger ist noch zu ertragen, aber der Durst wächst ins Unvorstellbare. Ich bin ruhiger, kaum gesprächig. Mit jeder Minute weicht meine Hektik des Tages einer sanften Lethargie. Mehr und mehr gleite ich in eine Art Tiefschlaf, stehe vollkommen neben mir. Meine anfängliche Begierde nach einem Glas Cola reduziert sich auf ein einfaches Glas Leitungswasser. Das würde mich gerade glücklicher als alles andere machen.

Um neun Uhr habe ich Feierabend und ich kann endlich losgehen, rüber zu den Eltern von Denise. Wir sitzen an einem großen Tisch, zusammen mit 20 anderen: Verwandte, Freunde und ich. Jeder fastet für sich alleine, aber abends kommen alle wieder zusammen. Da steht die Familie, die Gemeinschaft und das Miteinander im Vordergrund. Flaschen mit Cola, Fanta und Wasser stehen auf dem Tisch. Direkt daneben aneinander gereiht unterschiedliche arabische Spezialitäten. Und auf jedem Teller ein paar Datteln, traditionell das erste, was beim Fastenbrechen, dem sogenannten Iftar, zu sich genommen wird. Das habe ihr Prophet Mohammed auch so gemacht.

Und dann ist es endlich soweit: Ein Gebet, dann die Dattel. Sie ist weich und schmeckt ganz wunderbar. Ich trinke ein Glas Wasser, danach eine Cola hinterher. Dann: eine gefüllte Paprika, Börek mit Schafskäse, Linsensuppe, Bulgursalat, Lammragout auf Auberginenpüree und ein Stück Baklava. Ja, so beginnt die erste Mahlzeit der Ramadannacht, der Auftakt zur Völlerei. Verzicht, das ist im Ramadan eben nur etwas für die hellen Tagesstunden. Nachts wird gefeiert, das Verbotene nachgeholt.

Ich habe nicht annähernd alles geschafft zu essen, was ich mir vorgenommen habe. Ich bin viel zu schnell satt. Und am Ende tut mein überfüllter Magen nur weh. Vollkommen erschöpft falle ich in mein Bett. Ausgelaugt vom Dursten und Hungern, erledigt vom anschließenden Vollstopfen.

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