„Fake it, ‘til you make it“

Stefan Dotter ist mit 23 Jahren Chefredakteur des Whitelies Magazine, Art Director und Modefotograf. Für uns öffnet das Wunderkind sein Archiv.

Stefan Dotter nippt im Café Ako in Prenzlauer Berg an seinem Ingwer-Tee. Seine Stimme bleibt beim Reden still, als hätte er die Ruhe aus seiner Heimat im nördlichen Bayern mit nach Berlin gebracht. Wenn Stefan spricht, vergisst man, wie jung er ist. Das Unaufgeregte spiegelt sich auch in seinem Kleidungsstil wider: dunkle Jeans, Chelsea Boots und Rollkragen-Pullover. Sogar seine dunklen Locken wirken geordnet. Nur seine Augen hinter den großen Gläsern seiner Brille verraten eines: Hinter der ruhigen Fassade verbirgt sich eine aufgeweckte Seele, die für Neues brennt.

Er verlässt selten ohne seine Kamera das Haus, denn er möchte die Möglichkeit nicht verpassen, das festzuhalten, was ihn anspricht. „Wenn man länger fotografiert, sieht man auf einmal überall Bilder“, sagt er. Seine Kamera hat er zuletzt vor zwei Tagen vermisst, als er bei einem Freund zum Essen eingeladen war und von der Ästhetik der Wohnung überwältigt war. In solchen Momenten wird in seinem Kopf ein Referenzlexikon aktiv, dessen Inhalt sich über die letzten Jahre angesammelt hat: Fotografien der letzten 60 Jahre, aber auch die Malerei. Er hat dann das Gefühl, Déjà-Vus zu erleben. Diese veranlassen ihn, den Auslöser zu drücken.

Er handelt emotional und so kam er auch zur Fotografie. Stefan studierte eigentlich Betriebswirtschaftslehre in Wien. Er sah sich bereits an der Wall Street. Dann schmiss er seine Pläne um, weil er die Kunst für sich entdeckte. Sein Bauchgefühl sagte ihm, es wäre die richtige Entscheidung. Kurzerhand kaufte er sich eine Kamera und flog nach London zur Fashion Week, um ein paar Bilder zu machen. Die große Karriere hatte er dabei nicht im Sinn. Ernst wurde seine Arbeit erst letztes Jahr, als ihn eine Fotografen-Agentur unter Vertrag nahm. Damals war das Whitelies Magazine, das bereits als Blog existierte, seine Eintrittskarte zu den Modenschauen. „Ich war da der größte Fake. Offiziell hatte ich da ja gar nichts zu tun!“, sagt er.

Ihn reizte besonders das Fotografieren im Backstage-Bereich. Dort bemühen sich die Models nicht so sehr gut auszusehen, sondern sind natürlich. Diese Momente fotografierte er zuerst bei Givenchy und Raf Simons. „Wenn die Bilder gut sind, kann man sie als Editorial veröffentlichen“, erzählt er und lächelt zufrieden. Einen Auftrag hatte er von den beiden Labels nicht. Stefan ließ nur die Bilder absegnen und veröffentlichte sie in Verbindung mit Landschaftsbildern in seinem Magazin. „Am Anfang dachten alle hinter dem Whitelies Magazine sitzen zehn Personen, tatsächlich war ich alleine. Fake it ’til you make it!“

Das gilt allerdings nicht für seine Fotografien. Retuschiert hat er bis heute noch nie etwas. „Wenn ein Bild nicht von Anfang an perfekt ist, ist es ein scheiß Bild!“, ist Stefans Meinung. Seine Bilder zeichnet das verträumt-romantische aus, anders als bei Fotos von Jürgen Teller. Sie zeigen die knallharte Realität, eine pure Konfrontation. Stefan aber setzt in seinen Arbeiten das Objekt in einen neuen Kontext. „Meine Bilder hüten Geheimnisse“, erklärt er. Seine Shootings könnten nicht unterschiedlicher sein. Zuletzt fotografierte er für Louis Vuitton einen Trolley. Das war kommerziell und unterscheidet sich von dem Großteil seiner Arbeiten, bei denen er selbst Art Director ist.

„Wenn möglich, verbringe ich vorher Zeit mit den Models“, erzählt er. „Du kannst kein intimes Foto von jemandem machen, über den du Nichts weißt.“ Selten arbeitet er mit klassischen Schönheiten zusammen, wobei das kaum jemand ist, findet Stefan. Jeder Mensch hat seine Ecken und Kanten. Äußerlich sind sie wesentlich leichter mit der Kamera einzufangen, aber bei einigen Models ist ihre Energie das markante Merkmal. „Die macht ihre persönliche Schönheit aus und kann auf Fotos verloren gehen“, sagt er. Wenn er fotografiert, fängt er den Moment zwischen zwei Posen ein, in dem das Model seine Natürlichkeit wiederfindet. Übertriebenes Posing könne mit einer Sabotage der wahren Persönlichkeit verglichen werden.

 

 

von

#fashion

Leidenschaft – Leichtigkeit – Loyalität,

Kontostand: – 450 Euro

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