Feminismus für alle

Wer beim Anblick einer halben Grapefruit an eine Vagina denkt, darf das getrost auf die Modebranche schieben. Neben niedlichen Zeichnungen von Eierstöcken und rosa Venussymbolen mit erhobenen Fäusten ist diese Frucht nämlich zu einer Art Symbol jener Bewegung von Frauen geworden, die das Wort „Feminist“ auf dem T-Shirt tragen

„Feminist“ war man zuerst in Dior. Keine Frage. Maria Grazia Chiuri druckte die Worte „we should all be feminists“ für ihre Debütkollektion des französischen Modehauses in Großbuchtstaben auf ein weißes T-Shirt. Und tatsächlich schaffte sie es, dass sich die gesamte Modewelt diesen Satz ganz schön zu Herzen genommen hat.

Allen voran natürlich die Fast-Fashion-Unternehmen Topshop und H&M. Feministinnen sollen eben auch 13-jährige Rihanna-Fans sein können, die gern YouTube-Videos schauen und hin und wieder über den Beziehungsstatus von Selena Gomez fachsimpeln. Das ist ja das Feine an der Mode: Man kann alles sein – das Riot Girl mit einer Netzstrumpfhose für sieben Euro von H&M, der Punk, das Skater-Girl, so wie Avril Lavigne 2002 in ihren schwarzen Chucks. Zalando macht es möglich.

Momentan ist man also offenbar gern Feministin. Mich erinnert das ein wenig an Karneval. Die guten alten Zeiten. Ich war sowohl mit sechs Jahren, als auch noch mit elf Vampir. Ganz egal was für coole Kostüme die anderen Kinder trugen, ich habe diesen schwarzen Umhang geliebt. Vielleicht ist das einfallslos oder langweilig. Vielleicht ist es aber auch einfach authentisch, wenn man sich und seinem Geschmack einfach treu bleibt – selbst wenn man von den kreativsten Verkleidungen umgeben ist.

Auf der Suche nach Authentizität in der Mode begegnet man momentan zahlreiche Feministinnen, die sich gegenseitig nur unterstützen, solange der Bodymaßindex der einen unter dem der anderen liegt. Immerhin ist die Modebranche weniger für die praktizierte Nächstenliebe als für den Konkurrenzkampf bekannt. Da scheint es, als sei das Feminismus-T-Shirt ein willkommenes Mittel, um sich selbst einfach ein bisschen besser zu fühlen.

Wenn ich jede Woche bei Primark shoppe und eigentlich weiß, unter welchen Umständen die Frauen in Bangladesch die Kleidung herstellen, dann kann ich ein bisschen leichter darüber hinwegsehen. Ich bin schließlich Feministin. Wenn ich mit meinen Mädels über die rundliche Figur einer gemeinsamen Freundin diskutiere, dann ist das auch okay. Ich bin schließlich Feministin.

Als Wohlfühl-Feminismus könnte man diesen Trend vielleicht bezeichnen. Denn jetzt, wo ein politisches Statement auf der Brust cool ist, ist die Modewelt an dem Punkt angekommen, an dem sie eine gesellschaftliche Positionierung schlicht und einfach verniedlicht. Wirklich ernst nehmen kann man Eierstock-Bilder, rosa Venussymbole und Grapefruit-Vaginas schließlich nicht.

Maria Grazia Chiuri hat ohne Frage den Zeitgeist perfekt getroffen. Mit dem Feminismus-Shirt hat sie allerdings weniger etwas für Frauen getan, sondern viel mehr für die Marke Dior – und für die konsumorientierte Modebranche.

Foto: Sophia

Sophia

von

Gerechtigkeit, Loyalität, Vertrauen; Kontostand: meist kurz vor dem Minus dank meiner Leidenschaft für Vintage-Kleidung

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