Filmproduktion: Terror

Zwei Autos fahren vor, im Hintergrund läuft Musik. Zunächst kommt es allen im Raum so vor, als wäre es ein Musikvideo, das sie da sehen. Das Publikum lacht, als ein Taliban aus dem Auto steigt und mit arabischen Untertiteln vorgestellt wird. Ich bleibe ruhig. Im Hintergrund läuft keine normale Musik, es sind muslimische Gebete. Das Video wird nur kurz eingeblendet. Erst als Simon Menner, der den Talk Ein Taliban spielt Tagesschau hält, vorne erzählt, um was es geht, verstummt das Publikum. Von da an findet es niemand mehr witzig. Das Video dient zur Repräsentation einer Organisation, die kein Spaß ist. Am Ende des Videos, klärt Menner auf, wird ein Zivilist getötet werden. Ich empfand es keinen Moment als lustig, da ich von Anfang an verstanden habe, um was es geht.

Ein zweites Video wird gezeigt. Ein Mann steht in einer Küche und bereitet etwas zu, er sagt etwas auf Arabisch. Ich höre genau hin, während das Publikum erneut lacht. In dem kurzen Ausschnitt stellt sich der Taliban vor und erzählt, was er in seiner heutigen Sendung zubereitet. Es ist Sprengstoff. Was harmlos erscheint, dient letztlich der gezielten Tötung. Wieder klärt Menner das Publikum darüber auf, was der Taliban in dem Video macht. Auch hiernach wird es im Raum ruhig.

Ich selbst habe arabisch-aramäische Wurzeln. Ein Großteil meiner Familie lebt in Syrien. Meine Eltern haben mich zweisprachig erzogen, mit meiner Mutter spreche ich Arabisch, mit meinem Vater Aramäisch. Der Bürgerkrieg ist jeden Tag für mich präsent. Meine Familie ist mit anderen wenigen syrischen Familien Teil einer christlichen Minderheit und lebt täglich in Angst.

Kamera statt Waffe

Die Bilder und Videos der Veranstaltung Ein Taliban spielt Tagesschau auf der diesjährigen Re:publica zeigen, wie moderne Propaganda funktioniert. Vor nicht allzu langer Zeit sah man in Videos der Terrormiliz noch, wie Osama bin Laden in die Kamera spricht. Er saß vor einem unscheinbaren Hintergrund. Nach seinem Tod hat sich die Terrormiliz vergrößert und die Videos haben sich an die westliche Medienlandschaft angepasst. Heute gehen die IS-Rekruten nach Syrien, um eine Ausbildung zum Terroristen zu durchlaufen. Die Milizen kommen aus allen muslimisch-arabischen Staaten, aber auch aus anderen Ländern.

Die Organisation hat sich verändert. Sie fällt mit ihren Videos mehr auf als zu bin Ladens Zeiten. Ihre Anhänger imitieren zum Beispiel Journalisten, sie stellen sich vor Gefangene und interviewen sie, bevor sie sie köpfen oder erschießen. Die Miliz bringt durch harmlose Einstiegsszenen die Menschen dazu, hinzusehen. Was für Zuschauer, die kein Arabisch sprechen, harmlos erscheint, ist für mich vom ersten Moment an ein schockierendes Szenario.

Zu Beginn des Dschihads war es verboten zu Filmen, doch längst gibt es eine eigene Filmproduktion mit professionellen Kameramännern. In den Clips sieht man Männer ohne Waffe, aber mit einer Kamera in der Hand. Damit spricht die Terrormiliz eine breite Zielgruppe an und fördert den Zulauf von Jugendlichen zum IS.

Ein letzter Clip zeigt zwei im Schnee spielende IS-Anhänger, ein Dritter filmt. Im Hintergrund singt eine Stimme „Allahu Akbar“. „Gott ist groß“. Sie lachen und bewerfen sich mit Schnee. Das Publikum lacht, als sich einer der beiden das Tuch vom Gesicht nimmt. Kurz darauf wird es ruhig, als er in die Kamera auf Deutsch sagt: „Hiermit lade ich euch alle zum ISIS ein, ihr alle seid herzlich eingeladen.“ Es ist leise im Raum, das Publikum schweigt.

Foto: Firutin/ Flickr (CC)

Wala

von

„There are people who have money and people who are rich.“ – Coco Chanel // #Art // Kontostand: halte die Augen geschlossen

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