Ist das schön?

Simone Cotellessa, besser bekannt als Ecce Homo, feiert mit seinen Bildern auf Instagram die Hässlichkeit. Und die momentan heißesten Namen der Modebranche feiern ihn

writingaboutfashion: Seit wann gibt es den Account Ecce Homo?
Ecce Homo: Ecce Homo wurde im Dezember 2015 geboren. Ecce Homo ist das offizielle Erbe eines Accounts, den Instagram gelöscht hat – Minima Moralia. Der Name war inspiriert von Theodor Adornos gleichnamigen Buch aus 1951, in dem er sich mit Reflexionen verstörender Aspekte des Alltags beschäftigt. Der Account wurde zensiert, weil Instagram einige Bilder Homosexueller für zu explizit hielt. Ecce Homo ist also der Phoenix, der aus der Asche von Minima Moralia auferstanden ist. Er zeigt die selben verstörten Aspekte wie Minima Moralia, nur eben runtergebrochen auf Fashion.

Hat der Name Ecce Homo auch so eine tiefe Bedeutung?
Ecce Homo entspringt der Bibel. Er tritt auf, als Pontius Pilatus Jesus Christus der tobenden Menge präsentiert. Das hört sich vielleicht etwas blasphemisch an, aber mei
ne Follower auf Instagram waren auch ziemlich wütend, als Minima Moralia gelöscht 
wurde. Außerdem kann man „Homo” auch als Abkürzung für homosexuell verstehen,
 was gut zu der Ästhetik des Accounts passt.

Viele einflussreiche Personen der Modebranche folgen dir auf Instagram. Was ist dein Erfolgsrezept?
Ich weiß nicht genau, was es ist. Lotta Volkova Adam, Paul Hameline und Pierre Ange sind alle Fans seit der Geburtsstunde des Accounts. Vielleicht ist es die Mischung der Bilder: Selbst geschossene Fotos treffen auf Auszüge aus Editorials. Dazu noch Bilder von Ikonen der 0er-Jahre, einflussreiche Momentaufnahmen aus der Mode und den abscheulichsten Ausgeburten der Hässlichkeit. Die Leute sehen jeden Tag etwas anderes. Das macht hungrig.

Du hast eine klare Bildsprache. Kannst du erklären, was dich inspiriert?
Es sind die hässlichen Aspekte der Schönheit. Die Bilder von Ecce Homo zeigen neben Schönheit immer auch etwas Verstörendes. Ich zeige den angesagtesten Schuh der Saison an den hässlichsten Füßen, die du jemals gesehen hast. Das ist verstörend und schrecklich, aber es ist auch so Ecce Homo.

In deiner Bio auf Instagram steht: „Wir brauchen die Hässlichkeit, um unseren Appetit am Leben zu halten”, ein Zitat des deutschen Philosophen Karl Rosenkranz. Findest du Schönheit langweilig?
Nicht wirklich. Wir brauchen das Hässliche, um die Begeisterung für das Schöne zu empfinden, denn wir können die Schönheit nur genießen, wenn wir ihr Gegenteil kennen. Die Mode hat das Hässliche lange geächtet und hat immer nur einem sich immer wandelnden Ideal von Schönheit hinterhergejagt, bis sie sich letztendlich nur noch wiederholt. Schönheit in Kombination mit Trash ist attraktiv, aufregend. Hässlichkeit ist die dunkle Seite der Schönheit. Ich bin nicht besessen von dem Hässlichen. Ich bin vielleicht besessen von der Schönheit und will deswegen jede ihrer Facetten durchblicken – also auch ihre Schatten.

Wieso sind die 2000er-Jahre so besonders für Ecce Homo?
Ich liebe diese Ära, weil sie davon geprägt war, Sexualität und Perfektion zu zelebrieren. Im Finale der Herbst/Winter-Show 2003 von Gucci schwebte Carmen Kass über den Laufsteg in einem atemberaubenden roten Seidenkleid, als weiße Rosenblätter über sie regneten und „Nothing compares to you“ von Sinéad OConnor unsere Herzen brach. Dies ist wahrscheinlich einer meiner Lieblings-Fashion-Momente aller Zeiten. Oder die Dolce&Gabbana-Show des Frühjahrs 2005: Spitze gemischt mit Phyton-Haut, lange schmeichelhafte Chiffonbahnen, Pelzhüte mit Leopardenmuster, kitschige Stickereien und viel Haut. Möglicherweise ist es die Show, die die Ästhetik von Ecce Homo an besten beschreibt.

Wie stellst du dir die Zukunft der Mode vor? Wird Hässlichkeit relevant sein?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass das traditionelle Konzept der Mode in einer Krise steckt. Jahrelang ging es in der Mode nur um das Träumen, aber sobald man jede Nacht denselben Traum hat, verliert das Träumen seinen Reiz. In diesem Sinne hat Demna Gvasalia und seine Vetements-Crew eine Revolution ausgelöst, die dem System neues Leben einhaucht, indem sie ein neues Ideal für die Mode einführen. Ich hoffe, dass das nur der Beginn eines neuen Kapitels ist.

Schreibe einen Kommentar