Klick zum Glück

Einkaufen, Bezahlen, Fruchtbarkeit messen oder den Partner fürs Leben finden – Wie Apps das Leben der Chinesen bestimmen

Stellen Sie sich vor, sie müssten einen Begriff im Netz nachschlagen, dürften aber kein Google benutzen. Stellen Sie sich vor, sie wollten die süße Nachbarin kontaktieren, die sie gestern auf der Party kennengelernt haben, aber Sie können nicht auf Facebook zugreifen. Oder ein Foto von Ihrem Haute-Cuisine-Dinner hochladen, doch Instagram ist verboten. Was für uns in Deutschland undenkbar erscheint, ist in China der Status Quo. Kaum ein anderes Land zensiert so stark das Internet. Doch eigentlich ist es ein Widerspruch, denn gleichzeitig ist es das Land der Smartphones.

Am stärksten sieht man es in der U-Bahn. In Shanghai leben derzeit um die 24 Millionen Einwohner und in der Rush Hour scheint sich diese geballte Zahl in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu versammeln. Die Hälfte der Menschen steigt bereits mit nach unten gerichteten Blick ein. Was man als demütige Geste aufnehmen könnte, entpuppt sich als zielgerichteter Fokus auf einen leuchtenden Bildschirm. Nach kurzer Einrichtungsphase in der Menschentraube und dem Wifi-Check, richteten sich die Aufmerksamkeit wieder den Handys zu. Die Menge versinkt in eine Art stiller Meditation. Was auf den ersten Blick wie eine Momentaufnahme lebensverneinender Digitalisierung erscheint, ist in Wahrheit das neue Alltagsmanagement. Durch eine Vielzahl von Apps wird das Leben organisiert.
Mit Dianping bestellt man sich sein Abendessen nach Hause, über Zhifubao bezahlt man Strom-, Gas- und Wasserrechnungen, mit Taobao erledigt man Alltagseinkäufe und durch Momo sucht man sich den Partner fürs Leben. Es gibt Apps, mit denen man sein Vermögen verwalten, Taxen bestellen oder Essen im Restaurant vorbestellen kann. Wenn man Platz genommen hat, wird es sofort serviert. Der durchschnittliche Chinese lädt mit jedem Handy etwa 400 Apps herunter. Davon haben 68 Apps einen festen Platz im Smartphone, wovon aber nur 30 genutzt werden.

Die westlichen Social-Media-Apps integrieren gerade Funktionen, die ebenso das Alltagsleben erleichtern sollen. Über den Facebook-Messenger soll man bald weltweit Autos mieten können, Geld verschicken oder den Lieferstatus von Bestellungen nachverfolgen können. Chinesen verstehen den Trubel nicht, mit dem Facebook für seine neue Funktionen wirbt. Denn in China gibt es seit Jahren eine App, die all diese Funktionen, und noch viele mehr, vereint und ein absolutes Muss in jedem Smartphone ist: Weixin.

Die Wunder-App, die im Ausland unter dem englischen Titel WeChat bekannt ist, vereint die Formate Facebook, Instagram, Amazon und Skype. 650 Millionen Menschen nutzen Weixin täglich, damit reiht sich der Messenger als Drittplatzierter hinter WhatsApp (900 Millionen) und Facebook Messenger (700 Millionen) ein. Worin die chinesische App den anderen beiden Giganten aber weit voraus ist, zeigt sich in der Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten. Neben Chatten, Beiträge posten, Filmen und Webcam-Anrufe, hat Weixin noch einen integrierten Online-Shop, zahlreiche Buchungs- und Bezahloptionen und ist zusätzlich Visitenkarte und Referenz in der Arbeitswelt. Man kann durch einen Klick Geldbeträge verschicken, sogar in den traditionellen (virtuellen) roten Umschlägen „Hong Bao“, die man an Feiertagen verschenkt.

Die chinesische App-Revolution, wurde mitunter durch die Regierung zementiert. Durch flächendeckendes 4G-Netz und Subventionierungen der staatlichen Mobilfunkfirmen, kann man dem Internet gar nicht entkommen. Trotz den utopischen Dienstleistungen der Schöne-Neue-Smartphone-Welt, bleiben viele chinesen skeptisch, was die permanente Präsenz im Internet angeht. Je mehr Daten man in die virtuelle Welt eingibt, desto detaillierter ist auch das digitale Profil eines jeden Nutzers. Ein Aspekt, der vor allem der staatlichen Kontrolle in die Hände spielt. Doch dafür braucht man nie wieder Kleingeld rumzuschleppen.

Schreibe einen Kommentar