!Mediengruppe Bitnik macht aus Hacken Kunst

Ihr schwarzer Bob sitzt perfekt. Ihre Lippen sind voll. Mit ihren großen grünen Augen schaut sie mich verführerisch an. Minutenlang halten wir Blickkontakt, es fühlt sich vertraut an. Doch ich weiß nicht, wer sie ist. Mit einer braunen sizilianischen Maske verdeckt sie einen Teil ihres Gesichts. Ich bin neugierig, aber ich traue mich nicht, sie anzusprechen. Sie ist zu perfekt. „I’m online now. Come say hello“, sagt eine weibliche Computerstimme. Die Frau ist nicht echt. Ich bin wieder in der Realität.

Im EIGEN + ART Lab in einem Hinterhaus in Berlin-Mitte findet die Ausstellung „Is anybody home lol“ der !Mediengruppe Bitnik statt. Das Künstlerduo zeigt anhand von vier Arbeiten  welchen Einfluss automatisierte und künstliche intelligente Systeme auf unser Leben haben.

Gegenüber der Eingangstür hängt an einer Säule ein Plasmafernseher. Der blaue Monitor zieht den Blick sofort auf sich. Im unteren Teil des Bildschirms läuft der englische Untertitel eines Telefonats, dessen Originalton über Kopfhörer läuft. „Hier ist das autonome Operntelefon der Staatsoper Zürich. Zu ihrer Freude und Unterhaltung haben wir eine Wanze in der Zürcher Oper platziert.“ Zu hören ist eine verwunderte Familie und die Live-Übertragung der Vorstellung “Der Rosenkavalier“ von Richard Strauss. Die !Mediengruppe Bitnik platzierte verwanzte Telefone im Opernsaal und erzeugte durch die direkte Übertragung einen virtuellen Zuhörerraum, der Menschen ermöglichte, kostenlos und vom Wohnzimmer aus der Vorstellung zuzuhören.

Der hintere Teil des Raumes leuchtet in sattem Magenta. An den Fensterscheiben kleben Folien in der gleichen Farbe. In der Mitte des Raumes stehen fünf Monitore auf einer Art Kleiderständer. Zu sehen sind die Gesichter fünf unterschiedlicher weiblicher Bots: Programme, die das menschliche Verhalten automatisiert nachahmen. Lange Haare, Kurzhaarfrisuren, blond, brünett, dunkelhäutig – für jeden ist was dabei. Jede von ihnen hat einen individuellen Lebenslauf und einen Wohnort in Berlin. Alles beängstigend echt. Das Magenta-Licht und die sizilianischen Masken, die jeder Bot trägt, erinnern an die Online-Dating-Plattform Ashley Madison.

Das kanadische Dating-Portal wurde im Jahr 2015 gehackt. Heraus kam, dass allein in Berlin 272 Bots eingesetzt wurden, um die weibliche Quote zu erhöhen. Männer haben über Wochen mit Bots geflirtet in der Überzeugung, mit echten Usern zu chatten. An der Wand gegenüber der Monitore leuchtet in weißem Licht der Schriftzug „Is anybody home lol.“ Die Schrift der sogenannten Captchas, die Webseiten nutzen, um herauszufinden ob tatsächlich ein Mensch den Computer bedient, führt dem Besucher vor, dass wir Bots von realen Menschen kaum noch unterscheiden können.

Das vierte Projekt ist eine weitere Hacker-Intervention namens „Surveillance Chess“ aus dem Jahr 2012. Im Londoner U-Bahn Überwachungssystem manipulierte die Gruppe mittels eines Signalstörgeräts das Echtzeit-Bild der Überwachungskamera. Anschließend erschien auf dem Monitor eine persönliche Einladung zum Schachspielen. Und das kurz vor den Olympischen Spielen.

Der digitale Kontrollverlust und der Missbrauch von Technologie interessieren und reizen die Künstler. Ihre Abreiten sind humorvoll und dennoch kritisch. Viele ihrer Arbeiten wurden als Skandal in den Medien präsent. Eine Ausstellung wurde von der Polizei gestürmt. Mal abwarten, welchen Hack sie als nächstes begehen.

 

Die Ausstellung findet im EIGEN + ART Lab, Tortstraße 220 in Berlin-Mitte, statt und läuft bis zum 24. Juni 2017.

Schreibe einen Kommentar