„Leute fragen mich immer wieder, ob ich ein Alien bin“

Die Geschichte des Albino-Models Boris Nzenza Dikelo

Er kommt gerade von der Schule. Seine blonden Locken versteckt er unter einer schwarzen Wollmütze, sein blasses Gesicht ist nach unten gesenkt. Er ist gekleidet wie die meisten 18-Jährigen in Deutschland: beigefarbener Hoodie, olivgrüne Bomberjacke, schwarze Skinny Jeans  und Sneaker. Dennoch fällt Boris Nzenza Dikelo sofort auf, als er in der Menschenmasse am Kölner Heumarkt aus der Bahn steigt. Er ist Albino.

Vor vier Jahren wurde er von seinem heutigen Manager und Freund Mudjacka entdeckt. Boris saß mit Freunden auf der Domtreppe. „Er ist mir sofort aufgefallen. Er war der einzige Weiße in der Gruppe. Ich war von ihm fasziniert und musste ihn ansprechen“, erzählt Mudjacka, der selbst Afro-Deutscher ist. Schon damals wusste Boris, dass er modeln möchte. Er will dadurch auf das Leben in Ostafrika aufmerksam machen und anderen Albinos mehr Selbstbewusstsein geben.

Albinos sind weltweit eine Minderheit. Bei dunkelhäutigen Völkern sind die fehlenden Pigmente in Haut, Haar und den Augen deutlicher. In Boris Heimatland Kongo werden Menschen mit Albinismus von Geburt an wie Tiere gejagt. Dort und in weiteren afrikanischen Ländern gilt der Gendefekt als Fluch, der von bösen Geistern käme. Vor einigen Jahren entstand in Tansania, wo weltweit die meisten Albinos leben, der Glaube, sie besäßen glücksbringende Kräfte. Sie werden von sogenannten Hexenjägern umgebracht. Die einzelnen Körperteile werden auf dem Schwarzmarkt für mehrere tausend Dollar verkauft.

„Ich bin froh, dass ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin“, erzählt Boris. In seiner Familie ist er der Einzige mit der Pigmentstörung. Seine Wurzeln sind nichtsdestotrotz erkennbar – volle Lippen, breite Nase und krauses Haare. Die Reaktionen der Menschen auf sein Aussehen ist er gewohnt. Meistens sind es penetrante Blicke, die er zu spüren bekommt. „Manche schauen mich an, als wäre ich eine Attraktion. Andere sind entsetzt“, erzählt er. Doch es bleibt oftmals nicht nur dabei: „Leute fragen mich immer wieder, ob ich ein Alien bin. Viele setzen sich sogar in der Bahn von mir weg. Aber das ist mir egal“, sagt er mit immer lauter werdenden Stimme.

Boris ist glücklich darüber, anders zu sein. Er würde mit niemandem tauschen wollen. Seinem außergewöhnlichen Aussehen hat er viele Modeljobs zu verdanken. „Vor drei Jahren hatte ich ab und zu Shootings mit regionalen Fotografen. Aber jeder fängt klein an“, sagt er.  Im Jahr 2016 kamen die ersten großen Jobs: das Newcomer Model arbeitete für Djinns, Asics, KMS und ist das Gesicht des Adidas Consortium UltraBOOST Uncaged Spots für Solebox Berlin. Auch internationale Magazine, wie Vogue und Vulkan Magazine, sind auf Boris aufmerksam geworden. Doch der Erfolg macht sich nicht nur beruflich bemerkbar: „Plötzlich kommen alle und wollen meine Freunde sein. Sie behaupten, sie hätten schon immer an mich geglaubt, obwohl sie mich wie den letzten Dreck behandelt haben.“

Seit klein auf wurde Boris gemobbt. Immer wieder sind ihm Jugendliche aufgelauert, haben ihn umzingelt, beleidigt, geschubst und bespuckt. Selbst in seinem Kinderzimmer ist er vor negativen Reaktionen nicht geschützt: Auf sozialen Netzwerken bekommt er täglich rassistische und menschenunwürdige Nachrichten. All das wegen seines Aussehens. „Ich habe nicht gewusst, dass ich anders bin. Bis man mich darauf aufmerksam gemacht hat.“ Boris hat sich nicht unterkriegen lassen. Im Gegenteil: „Das Anderssein hat mich von Tag zu Tag stärker gemacht“, erzählt er.

Auf Social-Media-Kanälen verweist er regelmäßig auf Albinismus und die damit verbundene Problematik. Er zeigt anderen Betroffenen, dass sie nicht alleine sind und dass man etwas ändern muss. Seine Freunde, die zum Großteil Afro-Deutsche sind, bewundern ihn für seine Stärke. „Wenn du schwarz bist, hast du es schon nicht immer leicht. Als Albino bekommst du den Rassismus von allen Seiten – selbst von der eigenen Kultur“, erzählt Mudjacka.

Albino ist für Boris keine Beleidigung: „Es beschreibt das, was ich bin.“ Wofür er jahrelang gemobbt wurde, hat ihm zu seinem heutigen Erfolg verholfen. „Ich habe mich nicht unterkriegen lassen und es allen gezeigt“, sagt er. Sein größter Wunsch ist es, in einer Welt ohne Rassismus zu leben. Dass die Gesellschaft aufhört, andere nach ihrem Aussehen zu beurteilen und die Jagd auf Albinos ein Ende nimmt.

Karolina

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