Making by Faking

Re:publica 2017: Shenzhen galt lange als Zentrum für die Produktion von Plagiaten. Heute wird die Stadt als Silicon Valley für Innovation gefeiert und zieht Maker aus aller Welt an

 

Wenn man Probleme mit dem Computer hat, geht man zum IT-Spezialisten. Bei Problemen mit Wasserleitungen ruft man den Handwerker und wenn das Auto streikt, fährt man in die Werkstatt. Doch wieso sind wir so sehr auf die Hilfe anderer angewiesen, anstatt dass wir uns vernetzen und das Problem selbst reparieren, kleben oder lösen? Aus dem bekannten Handwerksmotto „Do it yourself“ entwickelte sich vor allem in den Vereinigten Staaten eine Bewegung, die sich genau diese Frage stellt und inzwischen Anhänger auf der gesamten Welt hat: Maker.

Mancher denkt bei DIY vermutlich zuerst an die latzhosentragenden Heimwerker aus Hör mal wer da hämmert. Doch hinter dem dem simplen Begriff „Maker“ (englisch für „Macher“) steckt viel mehr. Im Deutschen wäre der naheliegendste Begriff „Bastler“, aber auch der kratzt nur an der Oberfläche. Maker sind Kreativköpfe, Querdenker und Technikenthusiasten, die wie Daniel Düsentrieb hausgemachte Innovation kreieren. Und die meisten von ihnen sind Amateure. Man muss kein Ingenieur sein, um bahnbrechende Maschinen zu bauen oder Informatiker sein, um lebenserleichternde Apps zu programmieren. Everyone can be a maker.

In sogenannten Makerspaces werden Werkzeuge, Ideen und ansteckender Enthusiasmus zu Verfügung gestellt, womit man Produkte herstellt, die es in der Massenproduktion nicht gibt.

Silvia Lindtner, IT-Dozentin an der University of Michigan, stellt in ihrem Vortrag „Ex Oriente Make: The future of maker culture is made in China“ das neue Mekka für Maker vor. Shenzhen liegt nur wenige Stunden außerhalb von Hong Kong, lange Zeit galt die Stadt als Copy-Cat-Oase. Aus Adidas wurde hier Adibos, dem Mercedes-Stern werden Zacken hinzugefügt und sogar der Apfel bei Apple verbleibt unangebissen.

Dass Shenzhen heute als Silicon Valley für kreativen Erfindungsgeist gilt, ist eigentlich nur der negativen Vergangenheit der Stadt zu verdanken. Die Produktion von Fake Artikeln wird an den chinesischen Begriff „Shanzhai“ angelehnt. Übersetzt bedeutet es „Bergfestung“ und bezeichnet die Verstecke von Banditen, die sich dem Zugriff des Gesetzes entziehen. Auch heute ist Shenzhen eine juristische Grauzone. Im Jahr 2007 wurden 1,1 Milliarden Smartphones verkauft, wovon 150 Millionen gefälschte Shanzhai-Ware gewesen sind. Ironischerweise ist es scheinbar genau diese kriminelle Energie, die Shenzhen so attraktiv für die moderne Maker-Bewegung und auch für internationale Unternehmen macht. Ganz nach dem Motto: wer so vielfältig fälscht, hat kreatives Potenzial.

Faker-Kultur erblüht zur Maker-Kultur

Da westliches Making durch Gesetze, weniger technisches Know-How und den Druck großer Firmen begrenzt wird, erblüht die Faker-Kultur Shenzhens zu einer Maker-Kultur. Kinder und Jugendliche experimentieren hier mehr und erfinden neue, praktischere Hardware für Smartphones, da sie sich bereits mit der Materie auskennen. Was vielleicht etwas makaber klingt, wird von Maker-Experten als Prototyp einer alternativen Zukunft angesehen.

Der chinesische Staat sieht in Shenzhen ebenfalls Potenzial und versucht die Stadt als Zugpferd für innovative Technik zu etablieren: denn statt Ermittlungen prasseln die Subventionen.

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