Natur statt Rasur

In lockeren Tanktops flanieren sie an der Spree entlang. Sie sitzen in Straßencafés und trinken ihre Club Mate, mit dem letzten Schluck spülen sie die Tablette gegen den Kater hinunter. Sie rasen auf dem Fahrrad die Skalitzer Straße bergab, sie strecken sich auf der Wiese im Marmor-Park in der Frühlings-Sonne, rauchen an ihrer selbstgedrehten Zigarette, heben ihre Arme und rufen: endlich!

Endlich, ja endlich beginnt die Revolution: Haarhalme sprießen aus der Achselhöhle und klatschen sich feiernd ab, locken und drehen sich ineinander. Hier, wo alles wächst und gedeiht, entsteht eine warme und kuschelige Busch-Oase, die nach Selbstbestimmung und Mut gepaart mit säuerlich-beißenden Schweiß duftet. Dieses Jahr lassen Frauen ihre Achselhaare wachsen – und folgen damit einem Trend, der sich einer Ästhetik widersetzt, die seit Jahrzehnten das westliche Schönheitsideal bestimmt.

Und diese Bewegung zur Akzeptanz der eigenen Körperbehaarung scheint echt. Angefangen hat es in den USA: Letzten Sommer riefen junge Frauen unter dem Hashtag #freeyourpits dazu auf, die Haarpracht unter ihren Achseln ruhen zu lassen. Und Stars wie Miley Cyrus unterstützen die Revolte mit Fotos ihrer Achselhaare. „Long hair … Don’t Care!!!“, schrieb Madonna unter ihr Bild, das sie auf ihrer Instagram-Seite veröffentlichte.

Das stößt auf Ablehnung: behaarte Achseln bei Frauen. Igitt! Pfui! Ein Tabu. Doch wie kann auf einmal, was die Natur uns beschert hat, voll eklig sein? Über vergangene Jahrzehnte ist glatt rasierte Haut zum Standard geworden. Nicht nur aus hygienischen, sondern vor allem aus ästhetischen Gründen. Und so wirkt der neubelebte Trend seltsam – so wie alles seltsam wirkt, was vom geltenden Schönheitsideal abweicht. Doch vor allem sind laute Buh-Rufe von den Männern zu hören: Was passiert da mit ihren süßen, glatt rasierten Mädchen?

Sie verändern sich – sie werden zu erwachsenen, selbstbewussten und behaarten Frauen. Sie definieren ihre Weiblichkeit selbst und unterwerfen sich keinen gesellschaftlichen Zwängen. Ihr Achsel-Busch ist ein Zeichen für Natürlichkeit, Feminismus und gegen Doppelmoral. Sie rebellieren gegen die Vorstellung, stets makellos aussehen zu müssen, während Männer sich kaum um ihre Behaarung bemühen brauchen. Mit erhobener Faust, dem Achsel-Busch darunter, beginnt die Revolution. Und die Männer? Sie werden sich daran gewöhnen müssen.

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