Ich packe aus

Meine Erlebnisse als Sex-Shop Mitarbeiter.

Seit über zwei Jahren bin ich nun schon Verkäufer in einem Sex-Shop in Berlin. Da erlebt man ganz schön viel – das könnt ihr mir glauben. Einige Storys möchte ich mit euch teilen. Und ja, das ist alles so passiert.

Heute beim Frühstück verfehlt der Löffel meinen Mund und ein fetter Klecks Joghurt landet direkt auf meiner schwarzen Stoffhose. Und zwar direkt im Schritt! Ich bin wieder  zu spät aufgestanden und habe keine Zeit, mich umzuziehen. Ich muss also so gehen. In jedem anderen Job wäre das wohl überhaupt nicht schlimm. Das sieht bei mir schon anders aus. In einem Sex-Shop sind weiße Flecken auf der Hose schnell mal unangenehm oder sie werden eindeutig falsch interpretiert.

 

–1

Es ist Samstagnachmittag. Da haben wohl die meisten Lust auf Sex. Eine Karawane von neun Latinas kommt unsere breite Treppe hochgestiefelt. Eine davon sieht mir flüchtig in die Augen und brüllt regelrecht, ohne mich noch einmal anzusehen: „Where is the toilet?“ Ich führe sie zur Tür und alle verschwinden darin. Wie das platztechnisch funktioniert, ist mir ein Rätsel. Nach und nach kriechen alle wieder heraus. Ohne etwas zu kaufen oder sich wenigstens kurz umzusehen, verlassen sie den Laden. Kein Danke, kein Tschüß.  Als ich die Klotür öffne, wird mir schlecht. Der strenge Geruch von Urin steigt mir in die Nase. Die Klobrille ist vollgepinkelt. Fast schon überschwemmt. Einfach unverschämt. Da soll noch mal einer sagen Männer können nicht zielen!

–2

Ein schwules Pärchen steht vor unserem größten und dicksten Vibrator. Beide sehen umwerfend aus. Ich bin auf Anhieb von ihrer Schönheit ein wenig eingeschüchtert. Freundlich und zielgerichtet fragen sie mich, ob ich ihnen die schwarze Version bringen könne. Mit der langen grauen Verpackung in der Hand laufe ich zurück und gebe ihnen noch einige Tipps und Infos: „Ihr könnt ihn ganz leicht mit dem USB-Kabel wieder aufladen und sogar mit in die Badewanne nehmen. „Was ganz wichtig ist: Benutzt bitte nur ein Gleitgel auf Wasserbasis. Das ist das Beste für die Silikon-Oberfläche.“ Ich möchte mich gerade verabschieden, da sagt plötzlich der Größere von beiden: „Wollen wir den gleich mal zusammen ausprobieren?“ Ich völlig verdutzt: „Wie jetzt?“ Er: „Naja, habt ihr keine Umkleiden hier?“ „Doch, aber nur zum Umziehen.“ Er: „Schade, wäre sicher geil mit dir gewesen.“

–3

Dieses Mal habe ich mit meiner Kollegin dieselbe Schicht. Ein Mann mit langem dunklen Bart und weitem Kaftan kommt die Treppen hochgestampft. Er sieht aus wie ein Imam. Sehr grimmig guckt er uns an und schlendert durch den ersten Stock. Vorbei an unseren Pulsatoren, Peitschen, unserer Clubware und den Bondage-Seilen. „Der wird eh nichts kaufen“, dachte ich mir. Plötzlich ruft er meine Kollegin arrogant mit einem Zeigefinger zu sich. Ich kann das Gespräch nicht hören, dafür bin ich zu weit entfernt. Nach zwei Minuten kommt sie entsetzt zurück, der Mann verlässt den Laden noch grimmiger als zuvor. „Was ist los?“ „Der hat gerade ernsthaft gefragt, wieviel ich koste. Der wollte mich sofort mitnehmen.“

–4

Ein großer, muskulöser Mann in einem grauen Anzug steht vor unseren Männer-Toys. Er trägt eine schwarze rundliche Brille und Loafer. Sein graues Haar sieht sehr gepflegt aus. Er murmelt leise etwas auf Französisch und wirkt irgendwie verloren. Ich versuche, ihm bei der Entscheidung zu helfen. Er ist sehr erstaunt, als ich ihn auf Französisch anspreche – seine Augen strahlen. Ich erkläre ihm, wie man unseren Prostata-Vibrator am besten benutzt und empfehle ein passendes Gleitgel für den analen Gebrauch. Seine Schüchternheit weicht, und mit der Zeit wird er immer lockerer. Fast schon zu locker: Er beginnt, mir ohne Hemmungen und sehr detailliert vom Sex mit seiner Schar an Ex-Freunden zu erzählen. Ob er sich daran aufgeilt, anderen von seinen wilden Orgien zu erzählen? Oder ob er denkt, dass mich sein Gerede geil macht? Letztendlich hat er sich für den Vibrator, einen vibrierenden Penisring und das Gleitgel entschieden. Mit den Produkten unterm Arm laufe ich die Treppe runter zur Kasse ins Erdgeschoss – er hinterher. Er zahlt mit Kreditkarte und muss unterschreiben. Die Tüte ist längst gepackt, doch er ist immer noch nicht fertig mit der Unterschrift. Wieso braucht er so lange? Er verlässt den Laden mit einem Augenzwinkern. Beim Einordnen des Kassenzettels fällt mir auf, dass auf der Rückseite Folgendes steht: Danke für die nette Beratung. Übrigens, dein Arsch ist klasse! Ruf doch mal an: Telefonnummer, Bisous Loïc.

Foto von Alex Griffioen via Flickr

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