Puder für die Herren

Ob unreine, fettige oder trockene Haut, ob Mischhaut, empfindlich oder gereizt – in der Welt der Kosmetik findet jeder das passende Make-up. Vorausgesetzt, man ist eine Frau. Männer schminken sich nämlich nicht. Und wenn doch, dann sind sie schwul. Heteros müssen so etwas nicht machen. Die sehen selbst mit Augenringen gut aus, und erst Pickelchen und Rötungen machen einen Mann doch so richtig männlich. „Echte Kerle sind da nicht so eitel“, höre ich bei meiner Umfrage oft. Aber was sollen dann die 33 Millionen Make-up-Tutorials für Männer auf Youtube? Haben sich die Schwulen da etwa ihre eigene Community aufgebaut?

Natürlich nicht. Denn klickt man sich durch die Videos, sind auch Heten dabei, die ihre Concealer und Foundations in die Kamera halten. Wie das sein kann? Ganz einfach: Weil es völliger Unsinn ist, dass Männer nicht das Bedürfnis haben, ihre Haut zu optimieren und frisch auszusehen, bevor sie das Haus verlassen. Eitelkeit ist nicht nur für Frauen und Schwule reserviert.  Sonst würden nicht täglich Tonnen von Haargel auf den Köpfen „echter Kerle“ landen, die bei ihrer Haarpracht nichts dem Zufall überlassen wollen. Nicht zu vergessen, die glatt rasierten Oberkörper, der ständige Drang, ins Fitnessstudio zu gehen und „clean eating“, um das Ganze noch abzurunden. Auch die Tatsache, dass man keine Monobrauen mehr bei Männern sieht, hat wohl keine evolutionären Gründe.

Metrosexualität ist bei Männern längt angekommen. Als damals David Beckham mit blonden Strähnchen und glitzerndem Ohrring um die Ecke kam, hat sich die Zahl seiner Fans auch nicht verringert. Selbst Kanye West wurde Ostern für seine „Men Heels“, zu Deutsch Absatzschuhe für Männer, bewundert. Woher also kommt die Angst, als unmännlich zu gelten, sobald es um Make-up geht? Selbst Trump, der mit seinem orangenen Teint und dem weißen Kajal vielleicht sogar gut daran täte, sich eines der Youtube-Tutorials anzusehen, ist in den Medien vieles – unmännlich war aber noch nicht dabei.

Was ist in unserer Gesellschaft überhaupt noch männlich? Seitdem der Mann seine Rolle als Ernährer – egal ob schwul oder nicht – eingebüßt hat, muss auch er als Sexsymbol überzeugen. Die unabhängige Frau des 21. Jahrhunderts wählt nicht mehr den Mann, der finanzielle Absicherung bietet, sondern den, der attraktiv und interessant ist. Das soll nicht heißen, dass Männer das nicht auch mit Augenringen und ungeschminkter Haut sein könnten. Es geht lediglich darum, dass jeder beherzt zum Make-up greifen können sollte, ohne Angst, dafür aufgrund seines Geschlechts verurteilt zu werden. Denn letztendlich gibt es keinen Zusammenhang zwischen Sexualität und einem Tiegel voll Make-up.

Wer sich nun immer noch denkt: „Ich würde nicht wollen, dass mein Mann sich schminkt“, der möge sich daran erinnern, dass wir Frauen in unserem Feminismus-Wahn mal nicht vergessen sollten, was Gleichberechtigung eigentlich bedeutet. Dabei muss man nämlich auch Männern Zugeständnisse in Sachen Akzeptanz machen. Wenn Frauen sich problemlos den Kopf rasieren können, dann dürfen Männer auch mal Puder auflegen. Gerne auch Lidschatten, oder sogar Glitter … Unter dem Hashtag #makeupmen finden sich bei Instagram bisher erst 2.660 Posts, was extrem wenig ist. Da geht doch noch mehr, Jungs!

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