Scharf gestochen

Ich geb’s ja zu, alles begann damit, dass ich betrunken war. Und weit weg von zu Hause. Aber seien wir mal ehrlich, so fangen doch die besten Geschichten an. Ein paar vorlesungsfreie Tage in der Uni hatten genügt, um eine Freundin aus meiner Heimatstadt abzuholen und für ein paar Tage zu verschwinden. Pizza und Pasta, Cabrio fahren und endlich mal wieder ausschlafen. Ein Road Trip durch Norditalien, das war der Plan.

Doch bereits nach zwei Tagen packte uns die Abenteuerlust. Es war unsere erste Nacht in Florenz und wir genossen die Abendstunden mit einem improvisierten Dinner auf den Mauern der berühmten Altstadtbrücke – Il Ponte Vecchio. Während der Himmel über und das Wasser unter uns sich langsam von Orange zu Rosé verfärbten, lauschten wir dem Gelächter der vorbeiziehenden Italiener und aßen Tramezzini und Erdbeeren aus dem Supermarkt. Als die Sonne hinter den jahrhundertealten Gebäuden verschwand, entschlossen wir uns, das Florentiner Nachtleben unter die Lupe zu nehmen. Zehn Stunden, zwei Clubs und 50 Euro später torkelten wir Arm in Arm der aufgehenden Sonne entgegen – und geradewegs an unserem Hotel vorbei.

Gegen 15.30 Uhr am darauffolgenden Nachmittag schafften wir es tatsächlich unser Zimmer zu verlassen. Mit dunklen Sonnenbrillen, Erfrischungssprays und ungefähr 17 Liter Wasser bewaffnet, stolperten wir in die nächste Farmacia, die wir mit einer aufgestockten Sammlung Ibuprofen wieder verließen. Und plötzlich standen wir abseits der touristischen Plätze in einer winzigen Gasse vor einem kleinen Tattoostudio. Wir betraten den Empfangsraum, dessen gelbe Wände mit Fotos und Zeichnungen verschiedener Motive bedeckt waren. Eine junge Frau in High Heels, Jeansshorts und Band T-Shirt übersetzte für ihren Boss. Ich war fasziniert von dem Design des Studios und davon, wie freundlich alle waren. Irgendetwas hielt mich in diesen vier Wänden – ich konnte und wollte den Raum nicht gleich wieder verlassen. Wir quatschten lange mit dem Metallica-Mädchen, sie erzählte uns mit glühenden Augen von der Karriere ihres Chefs und ehe ich mich versah, saß ich in einem der großen, schwarzen Ledersessel. Der Restalkohol brummte in meinem Kopf, sodass ich einige Minuten brauchte, um zu begreifen, was hier vor sich ging.

Aus dem Nichts rauschte ein älterer Mann herein – dickliche Figur, weißer Bart und mit diesem typischen italienischen Temperament. Er küsste mich auf beide Wangen und wechselte ein paar Worte mit seiner Kollegin. Während er die frisch gestochene 3D-Anakonda einer anderen Kundin bewunderte und nebenbei mit den vier anderen Artists hitzige Diskussionen zu führen schien, zauberte er irgendwo einen Bleistift her und präsentierte mir keine 30 Sekunden später mein lang ersehntes Motiv. Absolut perfekt ausgearbeitet.

Das Stechen selbst war dank der 800 mg Ibuprofen, mit denen ich eigentlich meinen Kater hatte bekämpfen wollen, kein Problem. Meine Freundin durfte nicht mal meine Hand halten. Das bisschen Schulitalienisch, das sich noch in den hintersten meiner Gehirnzellen verbarg, wurde mir allerdings sehr nützlich. Ich verstand mehr als ich erwartet hätte. Das Geplänkel unter den Kollegen, die Witzeleien, die das Metallica-Mädchen angestrengt für meine Freundin übersetze. Als der Chef fertig war, wickelte er mein Handgelenk in Plastik und zog ein Fotoalbum aus einem der Schränke. Er legte es auf meinen Schoß und grinste. Ein wunderschöner, junger Mann blickte mich aus den schwarz-weiß-Aufnahmen an. „Oh yes“, sagte das Metallica-Mädchen. „He was a Gucci-Model when he was young“. Ich blickte den grauhaarigen Mann an und starrte dann wieder auf das Foto. Er strich mir übers Haar und ließ eine Bemerkung auf italienisch fallen: „Ach, wenn ich doch nur wieder 30 Jahre jünger wäre…“. Ich antwortete – ebenfalls auf Italienisch – , dass ich ihn verstehen könne. In dem darauffolgenden Gelächter fiel mein Blick erneut auf das alte Foto. Und in diesem Moment begriff ich, dass vor mir der große Giulio Tomasselli stand.

Foto: Lilian Engelhardt

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