Rotkäppchen und der Klassenclown

Aufgeklappte Laptops, gezückte Smartphones. Die wenigsten haben Stift und Block dabei. Es ist so voll, dass die Leute sogar auf dem Boden hocken. Die Beleuchtung in der dunklen Halle lässt mich kurz vergessen, dass ich auf einer Messe bin. Statt elf Uhr morgens könnte es in diesem Moment auch 24 Uhr sein. Diskofeeling statt Konferenz-Stimmung. Bis der Speaker Gunter Dueck auf die Bühne kommt. Herzlich Willkommen im Comedy Club.

Ich befinde mich auf der Veranstaltung „Flachsinn – über gute und schlechte Aufmerksamkeit, wie man sie bekommt, wer gewinnt und wohin alles führt.“ Gunter Dueck ist freier Schriftsteller, Blogger, Philosoph und Speaker. Mit seinem trockenen Humor hat er die Aufmerksamkeit der re:publica-Zuhörer, inklusive mich, sofort. Kein Pro und Kontra, keine Fachwörter, kein Blabla. Er bringt auf den Punkt wie uns die digitale Gesellschaft verändert. Nach fünf Minuten der erste Applaus, nach zehn Minuten lautes Lachen. Viele seiner Sätze fangen mit „damals“ an. Er erzählt aus dem Leben. Vergleicht das Phänomen Rentner und moderne Technik mit Kleinkindern und Fahrrad fahren. „Nur, dass die Rentner Angst haben hinzufallen, und mit 65 will man eben nicht mehr hinfallen.“

In diesem Tempo geht es weiter. Digitalisierung: Fluch oder Segen? News spielen nur kurzfristig eine Rolle. „Wenn alle sieben Minuten ein neuer Shit kommt, kann man doch gar nichts mehr ausdiskutieren.“ Wir urteilen schneller als wir lesen können. „Man kriegt den Kopf gewaschen, aber die Leute haben es gleich wieder vergessen. Muss nur ein Trump kommen und was Neues twittern.“ Böse Menschen kommen mit Hasskampagnen an die Macht. Fake-News sei Dank. Mit Aufmerksamkeit lässt sich eben Geld machen. Und für Geld gehen Menschen ja bekanntlich über Leichen.

Gunter Dueck schafft es immer wieder neue Bilder aufzurufen. Rotkäppchen ist die Nächste. „Rotkäppchen geht durchs Internet und Massen von Wölfen kommen und lenken sie ab. Die kommt doch nie bei der Großmutter an.“ Der Saal lacht. Früher, so erzählt er, wurde man nicht für Auffälligkeiten gelobt. Gut davon gekommen sei immer derjenige, der möglichst unauffällig durchs Leben ging. Anders heute: Man muss „visible“ sein. Alles andere? Langweilig! Ein Foto auf Whatspp reicht schon, um zu sagen, dass man DA ist.  Der Klassenclown verdient zwanzig Jahre später eben doch mehr als diejenigen, die nur heimlich darüber gelacht haben. Gibt mehr Likes.

Duecks größte Inspiration? „Wenn jemand etwas Dummes erzählt.“ Denn grundsätzlich, so weiß er aus eigenen Erfahrungen, wird immer scharf geschossen. Zu viele Männer auf einem Foto: „PENISPARADE! „Wieso ist da keine Frau dabei?“ Und beim nächsten Mal postet man lieber gar nichts mehr. Oder liket brav. Ohne Kritik im Internet wegkommen? Schwierig. Doch was können wir dagegen tun? „Hört auf zu diskutieren und macht mal was. Bloß nicht den Mund verbieten lassen. Ein Aufruf an alle Intellektuellen: Nicht raushalten, einmischen. Einer muss doch mal dranbleiben.“ Recht hat er.

Foto: re:publica/Gregor Fischer/ Flickr (CC)

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