Schluss mit Aliens

Schaut man durch den spärlich beleuchteten Raum im untersten Geschoss des Kühlhauses, fällt auf, dass kaum ein Zuhörer älter als Anfang 30 ist. In dem mystischen Gewölbe geht es am ersten Tag der Bloggermesse Re:publica um ein ebenso mystisches Thema: Science-Fiction. Mit Blick auf Computerspiele oder das Kinoprogramm verwundert es kaum, dass vor allem junge Leute die Thematik fasziniert. Dabei ist Science-Fiction kein junges Phänomen, sondern spätestens seit dem 19. Jahrhundert fester Bestandteil der Literatur. Sie umfasst dementsprechend mehr, als beeindruckend animierte Darstellungen von Menschen auf dem Mars, in fliegenden Autos oder im Kampf gegen Roboter. Die Zukunftsspekulationen einer Gesellschaft sagen viel über ihren gegenwärtigen Zustand aus.

Science-Fiction hat daher inzwischen auch ihre Daseinsberechtigung in Museen und Ausstellungen. Wie man solche Ausstellungen am besten kuratiert, ist Thema dieses Panels. Auf der Bühne sitzen Uri Aviv, Gründer und Leiter des Utopia-Festivals, ein internationales Science-Fiction- und Fantasy-Film-Festival in Tel-Aviv, Eden Kupermintz, der das Festival berät, sowie Martina Lüdecke, Kuratorin am Jüdischen Museum in Berlin. Vergangenen Winter kreierte sie dort eine Ausstellung rund um das jüdische Science-Fiction-Wesen Golem, das der Erzählung nach aus Staub und Erde erschaffen wird und dem Schutz der Menschen dienen soll, am Ende aber ein Eigenleben entwickelt und zur Bedrohung wird. Moderiert wird die Diskussionsrunde von Boris Moshkovits, Co-Initiator der Eventreihe D.Day.

Über die Frage des „Wie“ schiebt sich aber zunächst die Frage des „Was“, und zwar was gute Science-Fiction ausmacht. „Es gibt leider viel zu wenig gute Science-Fiction Filme“, sagt Uri Aviv und bemängelt den Content derzeitiger Produktionen. Es dürften nicht nur ein Hollywoodstar und ein paar Aliens in eine Geschichte gesteckt werden. Gute Science-Fiction sei vieldeutig und müsse Möglichkeiten aufzeigen, wie sich die Gesellschaft weiter entwickeln kann. In der Diskussion kristallisieren sich dabei drei Themengebiete heraus, in denen Potenzial für solche Veränderungen steckt.

Da wäre zum einen das Thema Mutation. Gibt es neue Wege unsere Organe anders zu benutzen? Inwiefern eröffnen uns Körperveränderungen neue Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren? Auch das Weltall und die Geografie sind ein wichtiger Bestandteil der Zukunftsüberlegungen. Wird es künftig noch einzelne Staaten geben und wie weit werden wir unseren Lebensraum von der Erde lösen können? Am kuriosesten ist der dritte Aspekt. Dank des Internets können selbst Einzelpersonen weltweit Firmen mit noch so seltsamen Anliegen beauftragen und so fragwürdige Geschäftsideen in die Tat umsetzen.

Aber wie kuratiert man nun gute Science-Fiction? „Ich betrachte Kuratieren als Aktivismus und Science-Fiction als Radikalismus“, sagt Eden Kupermintz. Einig sind sich alle drei, dass ein Kurator selbst entscheiden kann, was er zeigen möchte und welche Botschaft die Werke ausstrahlen sollen. Science-Fiction kann zum einen konservativ und traditionell sein, sie kann aber auch schockieren und Untergänge prophezeien. Wenn man es geschickt anstellt, kann sie dazu führen, dass sie unser Denken beeinflusst und verändert. „Beim Kuratieren geht es darum, den Besuchern Fragen in den Kopf zu pflanzen. Man muss den Menschen ein Statement geben, das sie diskutieren können“, sagt Martina Lüdecke. Eine gute Frage wäre zum Beispiel: Sind wir immer verantwortlich für das, was wir kreieren und denken wir über mögliche Konsequenzen nach? „Gute Science-Fiction erschafft eine Welt, die über die Utopie hinausgeht“, bekräftigt Uri Aviv.

Foto: Foto: re:publica/Gregor Fischer/ cc by 2.0

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