Singlebörse Schwulen-Club

Wenn der Queer-Club zum Hetero-Treffpunkt wird

Es ist ein typischer Samstagabend im Schwuz in Berlin-Neukölln. Ich stehe seit einer geschlagenen halben Stunde mit meinem besten Freund in der Schlange, als uns eine Gruppe von sechs Mädchen anquatscht und fragt, ob es sich lohnen würde hineinzugehen. „Ist halt ‘n Schwulenclub“, antwortet mein Freund. Die Mädchen kichern. Als ich frage, was sie denn erwarten würden, kommt nur ein „Naja, Männer halt!“. Dass in einem Queer-Club Männer anzutreffen sind, ist nicht verwunderlich. Dass die allerdings an einer Gruppe aufgetakelter Mitte-20-Jähriger interessiert sein sollen, will ich nicht so richtig glauben. Die Clique verzieht sich ans Ende der Schlange und wir kommen den Türstehen immer näher, gleich geschafft! Drinnen geht es super schnell: Eintritt zahlen, Jacke abgeben, Kaugummi rein und ab auf die Tanzfläche. Es riecht nach Zigarettenrauch und Alkohol. Der Bass dröhnt und zu sehen sind nur bunte Lichter und die Umrisse einer tanzenden Menge – ein heimisches Gefühl.

Mit 13 habe ich mich geoutet. Mit 14 hatte ich meinen ersten festen Freund. Bei meiner Familie und Freunden ist Schwul-sein normal – schwul feiern gehen allerdings so gar nicht. Nicht, weil ich keine Lust hatte, tanzen zu gehen, eher weil schwullesbische Clubs und Bars immer einen komischen verborgenen und schlüpfrigen Charakter hatten. Hier trafen sich Szeneleute, die am Tage ein Leben wie jeder andere führten, und die in der Nacht zu ihrer wahren Identität stehen konnten. Von der Minderheit zur Mehrheit quasi – endlich normal sein, wenigstens für ein paar Stunden. Schwule Bars und Clubs waren und sind für viele zentraler Mittelpunkt ihres Lebens: Hinter den Eisentüren ist man abgeschottet vom Rest der Welt. Geschützt vor Diskriminierung, Anfeindung und Gewalt. Genauso sind diese Clubs aber auch Orte für schnellen anonymen Sex und Drogen. Etwas, vor dem ich immer Angst hatte. Doch je weiter die gesellschaftliche Liberalisierung voranschritt, desto weniger notwendig wurden die abgeschotteten Schwulen-Bunker und die Clubs öffneten ihre Türen für ein breiteres Publikum. Auch für mich.

Mein Freund und ich gehen zur Bar: Wodka-Energy – knallt und hält wach. Bewaffnet mit unseren Drinks wippen wir zurück zur Tanzfläche, als uns eine Gruppe von Jungs auffällt, die eher in eine Zehlendorfer Privat-Schule passen, als in einen Gay-Club in Neukölln. Sie wecken sofort unser Interesse – nicht weil wir auf bonzige Möchtegern-Halbstarke stehen, sondern eher, weil wir uns fragen, was die hier zur Hölle machen. Zu Hit Me Baby One More Time schwingen wir unsere Ärsche rüber zur Gruppe. Keine Reaktion. Als einer der Jungs sich suchend umschaut, versuche ich, Blickkontakt aufzubauen und bekomme ein Kopfschütteln als Antwort – keine Chance.

Doch als sich die Mädels-Gruppe aus der Schlange vorhin der Gruppe nähert, kippt die Stimmung schlagartig. Die Schultern der Jungs werden breiter und wildes Gegacker und holprige Flirtversuche folgen. Die Mädchen sind hin und weg und ich und mein Freund geschockt. Echt jetzt? Im Schwulen-Club?

Kamen früher nur die „besten Freundinnen“ mit ins Schwuz, scheint es heute ganz egal zu sein, ob schwul oder hetero – Hauptsache jemanden kennenlernen. Zum ersten Mal fühle ich mich fehl am Platz an einem Ort, der doch eigentlich nur für mich gemacht ist. Um mich herum lauter Jungs und Mädchen, die offensichtlich nicht zum Tanzen hergekommen sind, sondern um ihren Single-Status zu zelebrieren. Speed-Dating war gestern, heute ist Schwulen-Club. Aber doch nicht im Schwuz, wo zu Beyoncé, Britney Spears und Gloria Gaynor getanzt wird. Mein Freund und ich drücken uns langsam aus der Masse und schauen uns fragend an. Wer weiß, vielleicht gibt es den „Schwulen-Club“ an sich irgendwann auch gar nicht mehr, und wir feiern alle zusammen zu den Weather Girls.

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