Smart but ugly

Was kann man aus alten Plastik-Tüten alles schönes basteln? Ein Besuch des Upcycling-Workshop auf der Republica

Auf dem Tisch liegt ein Haufen Plastikmüll, umzingelt von einer Horde weißer Bügeleisen. Ich bezweifle, dass ich weder mit dem einen noch mit dem anderen tatsächlich Spaß haben werde. Ich hasse bügeln, ich hasse Müll. Wer mag schon Müll? Mein Blick schweift über den Tisch. Fischbrötchen-Tüte, H&M-Tüte, durchsichtige Plastikfolien. Ich ertappe mich dabei, wie ich bedaure, dass die Ritter-Sport-Verpackung in dem riesigen Plastikmeer leer ist. Schade.

Im Gegensatz zu mir hat sich das Mädchen zu meiner Linken bereits für ihr Arbeitsmaterial entschieden. Die Lidl-Tüte ist längst keine Tüte mehr, die durchsichtigen kleinen Plastikpackungen sind zerschnitten. Eifrig beantwortet sie nebenbei die Fragen einer Reporterin. „Was macht ihr denn hier?“, will die Frau mit Mikrofon wissen. „Wir machen aus alten Tüten und Plastikmüll etwas Neues. Eine Tasche oder ein Portemonnaie“, erklärt das Mädchen. „Die Hitze des Bügeleisens lässt die Plastikteile aneinanderkleben.“ Tja, dumm nur, dass die Verschmelzung der Lidl-Tüte mit der durchsichtigen Folie vor ihr nicht richtig funktionieren will. Halt, war das Schadenfreude?

Ich beschließe, mich auf mein eigenes Plastik-Projekt zu konzentrieren. Als ich mich für den Upcycling-Workshop bei der Republica eingeschrieben habe, war ich mir der Sache doch so sicher gewesen. Basteln? Cool! Erwartet hatte ich zwar mehr als die Überreste einer offenbar sehr erfolgreichen Einkaufstour auf einem großen Tisch, aber da machen wir jetzt eben das Beste draus. Ich schnappe mir ein Bügeleisen und eine rote C&A-Tüte. „Was willst du denn einmal werden“, frage ich die Tüte. „Sicherlich nicht so etwas Undefinierbares wie nebenan, keine Sorge.“

Im Bruchteil einer Sekunde habe ich eine Idee. Wie inspirierend Plastik doch sein kann. Zuerst einmal will ich, dass dieses rote Plastik nicht mehr aussieht wie rotes Plastik. Mit dem Bügeleisen fahre ich über das rote Stückchen, das ich aus der Tüte geschnitten habe. „Making that plastic hot“, sage ich, um mich selbst zu motivieren, und verfolge jede Bewegung des Bügeleisens ganz genau. Vorsichtig hebe ich das Backpapier an. Das rote Plastikstückchen hat sich zusammengekräuselt und eine ungleichmäßige Maserung erhalten. Ein bisschen wie Schlangen- oder Krokoleder, stelle ich zufrieden fest. So kann ich arbeiten. Ich schneide weitere rote Plastikstückchen aus und lassen sie zu einem Umschlag zusammenschmelzen.

Jana, das Mädchen zu meiner Rechten, ist bereits an ihrem zweiten Projekt. Ich kann nicht ganz deuten, was ihr erstes Werk sein soll. Sie hält es kurz hoch und ist ganz ehrlich: „Das ist schon eher hässlich.“ Niemand widerspricht ihr.

Mein Plastik-Umschlag und ich sind in der heißen Phase – im wahrsten Sinne des Wortes. Leider ist mir bei der Klappe des Umschlags ein bisschen viel Plastik weggeschmolzen. Jetzt muss ich improvisieren. Das Mädchen zu meiner Linken, das so viel geredet hat – mit der Reporterin oder vielleicht auch mit mir, da war ich nie ganz sicher –, hat aufgegeben. Ich schnappe mir die Schere von ihrem Platz, voller Tatendrang. Peinlicherweise muss ich mir in diesem Moment eingestehen, dass ich tatsächlich Spaß habe. Ich schaue mich um. Ich glaube, das hat keiner gesehen.

Ich bügele weiter und weiter. „Life in plastic is fantastic“, motiviere ich mich weiter. Mit ein bisschen Kleber helfe ich nach, sodass die Klappe meines Umschlags besser hält. Meiner Finger kleben. Jana hat Projekt zwei fertig: Eine Plastiktüte aus einer Plastiktüte. Sie ist winzig. „Bist du zufrieden?“, frage ich Jana. „Mit der Idee schon. Mit dem Ergebnis nicht“, sagt sie und lacht.

Den Platz zu meiner Linken hat mittlerweile eine Französin eingenommen. Sie probiert sich an einem Portemonnaie. Wir teilen uns ein Bügeleisen. Über dem Tisch schwebt eine kleine Plastik-Chemie-Wolke. Mein Umschlag-Täschchen ist fast fertig. Ich verleihe ihm gerade den letzten Schliff und bügele ein „S“ darauf – denn konkret soll mein Werk ein personalisierter Plastikumschlag in Krokodillederoptik sein. Die Französin neben mir ist fertig, kurz bevor mein „S“ mit dem roten Plastik verschmolzen ist. Sie betrachtet ihr Portemonnaie skeptisch: „Smart but ugly“, sagt sie knapp. Das trifft wohl auf alle Sachen zu, die während des Workshops entstanden ist.

Den Upcycling-Gedanke finde ich wirklich toll. Aus alt mach neu. Jeder hat eine zweite Chance verdient. Wahrscheinlich betrachte ich die nächste Plastiktüte, die mir begegnet, mit ganz anderen Augen. Vielleicht überlege ich auch demnächst zweimal, bevor ich etwas wegwerfe. Immerhin habe ich gerade eine alte C&A-Tüte Wiederbelebungsmaßnahmen unterzogen. Das Endergebnis? Ich betrachte meinen personalisierten Plastikumschlag in Krokodillederoptik von allen Seiten. Naja, schön ist etwas anderes.

Foto: Sophia

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