Super Mario zieht blank

Unter dem Titel „,Undressed“ werden 50 Werke von Mario Testino veröffentlicht. Eine Hommage an Nacktheit, Emotion und androgyne Männlichkeit

Wenn man an Flaggschiffe der Modefotografie denkt, fällt einem sofort Mario Testino ein. Der Mann, der bereits die Schönsten der Schönen vor seiner Linse hatte, von Kate Moss bis zu Madonna. Er gehört genauso zum Werkzeugkasten des Vogue-Etablissements wie Anna Wintour, und die Kunsthallen der Welt sind ebenso gut bestückt mit seinen Arbeiten wie die Männer, die er fotografiert. Anfang Juni wird Testinos neue Ausstellung mit alten Werken in der Helmut Newton Stiftung in Berlin eingeweiht. Sie trägt den Namen „Undressed“ und ist in erster Linie eine Hommage an die Ästhetik des nackten Körpers, zugleich aber auch eine Dokumentation des künstlerischen Werdegangs von Mario Testino. Und je mehr man sich für die Emotionen, die Finesse und Stärke der Bilder begeistert, desto entgeisterter ist man über die seichte und kommerzielle Qualität der Modefotografie, die heute, fast zwei Jahrzehnte später entsteht.

Blauer Anzug, passendes dunkelblaues Hemd, drei der Knöpfe sind offen. Mario Testino ist hochgewachsen und obwohl man dem Peruaner seine 62 Jahre langsam ansieht, sieht er noch fit aus. Braungebrannt. Gewinnerlächeln. Star- (und) Fotograf. Von seiner Hand baumelt – natürlich – eine Kamera herunter. Dem Blitzlichtgewitter, mit dem die Journalisten, Fotografen und Schaulustigen ihn am Museum für Fotografie erwarten, erwidert er Schnappschüsse mit seiner eigenen Kamera. „Ihr müsst schnell sein! Ihr seid Fotografen!“, ruft er der knipsenden Menge zu. Sie schreit zurück:“Mario, bitte hierher! Nur noch ein Mal!“ Breites Gewinnerlächeln. Testino ist mehr als ein erfolgreicher Fotograf – er ist ein Promi.

Abstreiten will man ihm diesen Status nicht. Nicht zuletzt ist es Mario Testino zu verdanken, dass viele Aspekte der Modeszene heute so sind, wie sie sind. Eigentlich wollte er nur Wirtschaft und Recht an der Universität seiner Heimatstadt Lima studieren. Einen anständigen Beruf erlernen, gutes Geld im wirtschaftlich angeschlagenen Peru verdienen. Aber schon bald zog es ihn nach London, wo er, inspiriert durch seine Idole Cecil Beaton, Richard Avedon und seinem späteren Freund Helmut Newton, seiner Liebe zur Fotografie nachging. Er fotografierte Alles und Jeden, es ist bis heute seine Droge.

Ein Mal lernte er ein Mädchen kennen, sie war nur als Kate bekannt und hatte etwas anderes an sich als der damals gefragte Frauentyp. Schnell baute er Freundschaft zu ihr auf. Später wurde auch ihr Nachname weltweit bekannt: Kate Moss. Mit Testinos Hilfe wurden Models entdeckt, die nach einiger Zeit den Laufsteg als die Generation der Supermodels eroberten. Mit Tom Ford fegte er das verstaubte Luxushaus Gucci und verhalf ihm zu neuem Glanz. Weitere Unternehmen machten daraufhin „den Gucci“ („Doing the Gucci“).

Diese energiegeladene Anfangszeit Testinos kristallisierte sich auch in seinen Fotografien, deren stilistische Quintessenz in „Undressed“ zugespitzt wird. In einer Zeit, wo der Trend zu monochromen und gedämpften Farbtönen ging, besinnt sich Testino auf seine peruanischen Wurzeln und bringt neben Farbigkeit und Lebendigkeit auch seine fotografische Faszination für die Nacktheit ein. Blanke Hintern, Nippel, Haut. Frauen in Power-Pose, die nichts anderes als einen Trenchcoat tragen und Männer mit rot geschminkten Lippen und blütenweißer Bluse. Soft gegen hart, männlich gegen weiblich.

Obwohl man bei vielen seiner Aktfotografien „alles“ sieht, wirkt der nackte Körper niemals provokativ, noch ist es roher Sexappeal, der einem entgegenschwengelt. Vielmehr sind es Fotografien junger Menschen, die ehrlich, verspielt und schüchtern, fast schon pubertär wirken, als hätten sie ihre Nacktheit gerade erst entdeckt. Zwei Jungs, die sich lachend auf einem Bett fläzen, ein Mädchen, das ihre Freundin nur flüchtig an der Hand hält, sich ihr aber zuneigt, als ob sie Zuflucht bei ihr suchen würde. Es sind keine perfekten Bilder im heutigen perfektionistischen Sinn. Kitschige Tätowierungen, Falten, Narben und immer wieder Schamhaare. Trotzdem oder genau deswegen, vermitteln diese alten Werke Testinos unheimlich viel Emotion, ein Lebensgefühl einer jungen und unsicheren Generation. Und natürlich greift Testino auf seine Art und Weise den Sexismus an, sticht in jene gesellschaftliche Wunde und ist damit dem heutigen Genderisierungs-Trend Jahre voraus.

Mit diesen Nacktfotografien begann Testino seine Karriere, bis eine Freundin ihm riet, seine kommerziellen Arbeiten im gleichen Stil zu machen. Ein unabhängiges und freies Lebensgefühl zu kreieren, ein Hoch, nach dem Menschen streben könnten, wenn sie die Bilder sehen. Leider wirkt es nicht ganz so überzeugend oder herrlich frei, wenn dafür bezahlt wird, dass irgendwo daneben ein dicker fetter Labelname steht. Trotzdem ist es der Name Mario Testino, der überzeugt, denn in einer etikettierten Welt der Mode zählt nicht mehr das Produkt, sondern wie oft sich dieses verkauft. Obwohl Testino selbst sagt, dass ein von ihm geschossenes Bild nicht automatisch großartig ist, sondern erst großartig gemacht werden muss, wiegt das den kommerziellen Teil nicht auf. Die dominierenden Modeakteure, wie Vogue Magazine oder namhafte Labels setzen auf seichte und oberflächliche Illusions-Fotografie, die ein Lebensgefühl nur nebelhaft suggeriert und mit einem aus dem Kontext gerissenen Produkt assoziiert. Kommerz, statt Kunst. Money talks.

In den letzten zwölf Monaten schoss Mario Testino mehr als zwölf Vogue-Cover und zahlreiche Kampagnen. Es sind nun keine namenlosen Charaktere mehr, deren besondere Momente er im Bruchteil einer Sekunde einfängt, sondern größtenteils nichtssagende Hadids und Jenners, die für viel Geld Posen posen, die noch mehr Geld einbringen sollen. Im Gegensatz zu den alten Werken, sind diese perfekt. Das Styling sitzt, die Blicke sind scharf und die Haut rein. Manchmal springt zufälligerweise sogar noch der Hund im rechten Moment ins Bild. Testino entwickelt seinen Stil hin zu einer kommerzialisierten Modefotografie, die zwar lukrativ ist, aber nicht mehr echtem Talent und Qualität entspricht. Aber das wollen die Magazine: mittelmäßige Ramschware, die mittelmäßige Leser zufriedenstellen soll. Die Fotografen haben die Wahl zwischen liefern oder aussteigen. Das Resultat sind dann Bilder, die genauso unverschämt klischeehaft sind wie die Vorurteile gegen die Models darin: Hübsch. Ganz nett. Hohl.

Mario Testino „Undressed“ ist bis zum 19. November in der Helmut Newton Stiftung in Berlin zu sehen.

Titelbild: Vogue Italia, Paris, 2000
© Mario Testino

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