Unter die Haut

Ein Mann erzählt das erste Mal offen von seiner Hautkrankheit: Schuppenflechte

 

„,Ich bin krank“, ruft Dario Gand. Wut mischt sich in seine Stimme, er hält inne, atmet tief. „,Ich schäme mich so.“ Er blickt aus dem Fenster seines Zimmers in den trüben Himmel hinaus. Gemeinsam mit seinem Vater wohnt er hier – in einem ruhigen Viertel in Berlin-Marzahn. Am Fenster hört man gerade den Wind gegen die Bäume peitschen. Ab und zu ein weit entferntes Donnern. Sonst Stille.

Dario Gand leidet seit 15 Jahren an Schuppenflechte. Seinen richtigen Namen möchte er nicht nennen, viel zu peinlich sei ihm das Gespräch. Nicht vielen hat der 30-Jährige von seiner Krankheit erzählt. Und die wenigen, die es wissen, verstehen ihn nicht. „,Sie sagen: Es ist bloß eine Hautkrankheit. Anderen geht es schlimmer. Das stimmt auch, es ist nicht Krebs. Aber mir zerstört es trotzdem das Leben“, sagt Dario und ballt seine Fäuste.

Knapp zwei Millionen Menschen in Deutschland leiden wie er an Schuppenflechte, auch Psoriasis genannt. Eine Hautkrankheit, die sich durch rote Flecken mit einer trockenen und silbrig glänzenden Schuppung auf dem gesamten Körper zeigt. Schuppenflechte kann sich auch auf innere Organe oder Gelenke ausbreiten, was schmerzhaft und gefährlich werden kann. Wer an Psoriasis leidet, hat auch häufiger als andere Herz- und Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Depressionen.

Draußen prallen Regentropfen gegen den Fenstersims. Erst sanft, dann stärker. Wie hypnotisiert starrt Dario in den Regen und streckt beide Arme aus dem Fenster – so als ob er versucht, mit dem Regen seine Hautkrankheit wegzuwaschen. Wenn man ihn so anschaut, sieht man Dario die Schuppenflechte eigentlich kaum an. Er ist ein sehr gutaussehender Mann. Vor allem sein Gesicht, markant mit borstigem Bart, dem spitzen Kinn und den braunen Augen, die einen betrübt und auch streng mustern. Wenn Dario einmal lächelt – und das passiert nicht oft –, dann erspäht man zwischen seinen vollen Lippen eine kleine Zahnlücke, die er als weiteren Mangel an sich sieht. Er ist fast zwei Meter groß und sehr muskulös. Ein Traummann quasi.

Eine große, schuppenartige Stelle am Hals. Am Haaransatz erkennt man eine gerötete, sehr trockene Kopfhaut. Sonst sieht man nichts. „,Ich habe am gesamten Körper rote Stellen. Es sind bestimmt um die 100. Ein Freund hatte mich einmal gefragt, ob ich Lepra habe.“ Seitdem trägt Dario nur noch lange Oberteile und Hosen. Nach dem Sport duscht er immer zu Hause, an den See mit Freunden geht er nicht. Auf Alkohol verzichtet Dario komplett. Zu groß ist das Risiko, einen nächsten Schub zu bekommen.

Dreimal hat Dario bereits sein Studium abgebrochen. „,Eigentlich wollte ich, wie mein Vater, Feuerwehrmann werden“, erinnert er sich und für kurze Zeit ist da diese Begeisterung in seinem Gesicht, wie bei einem kleinen Jungen, der sein erstes Lego-Feuerwehr-Auto auspackt. Trotz guter Voraussetzungen hat ihn die Feuerwehr wegen seiner Hautkrankheit abgelehnt. Auch die Polizei wollte ihn aus dem Grund nicht. „,Lieber nehmen sie jemanden, der viel schlechter ist. Ich kann nichts daran ändern. Schuppenflechte ist nicht heilbar“, sagt er und kratzt sich an seinem Kopf. Dabei fallen viele kleine Schuppen wie winzig weiße Schneeflocken auf seine Schultern, ganz automatisch klopft er sie ab. „,Und da soll mir noch jemand sagen, dass es nur eine Hautkrankheit ist. Wenn ich dadurch meinen Traum.“ Stille.

Minutenlang fällt kein Wort, dieses Schweigen ist unangenehm. Der Sturm über Berlin lässt langsam nach und so hört man bloß einzelne Regentropfen auf den Fenstersims fallen. „,Das hat etwas Beruhigendes. Findest du nicht auch?“, sagt Dario. Ja. Es ist eine Freude, mit ihm zu sprechen, aber auch ein Kampf. Er wirkt vollkommen ehrlich, aber dann doch verschlossen. Und unglücklich – es gibt Tage, da weiß Dario nicht einmal, wie er einen Friseurbesuch oder den Gang ins Fitnessstudio überstehen soll. „,Wenn ich Spaß habe und abgelenkt bin, dann kann ich meine Hautkrankheit für eine kurze Zeit vergessen. Sobald ich aber gestresst oder traurig bin, juckt mein Körper. Ich kratze mir die alten Stellen blutig und neue kommen hinzu. Ist das nicht witzig?“ Dario lacht und macht nach, wie er aussieht, wenn er sich am ganzen Körper kratzt. Ein kurzes, freches Lächeln. Dann ist er wieder ernst.

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