Upcycling ist jetzt Trend

Sie sind bunt. Quietschbunt. Blaue Plateau-Sandalen mit dicken Schnallen und rotem Nike-Logo darauf. Spitze Stiefeletten mit bräunlichem Reptil-Muster und einem Adidas-Symbol. Gemacht aus alten Schuhen und Sneakern, die früher oder später im Müll landen würden. Dass dies nun zunehmend seltener geschieht, liegt an der Künstlerin Magdalena Woodmann. Denn sie schenkt gebrauchten Schuhen ein neues Leben.

Upcycling nennt sich diese Wiederverwertung von Altem. Fast alle Stücke sind Unikate, hergestellt aus gebrauchten Materialien. Einige würden sagen: aus Müll. „Ich war schon immer fasziniert davon, mit etwas altem Neues zu schaffen“, sagt Woodmann „Ich kaufe nichts, was neu ist. Ich sammle die Schuhe in den Städten, in denen ich gerade lebe. Ich wasche und zerschneide sie, verändere die Farbe, die Form – einfach alles, um sie schöner zu machen.“ Die extravaganten und auch witzigen Kreationen sind wie angewandte Kunst, Verzauberung zum Anziehen. Bald zeigt die Künstlerin ihre Werke in einer Ausstellung in Mailand.

Auch die junge Polin Marta Horovitz setzt bereits seit 2013 auf Wiederverwertung. Sie kreiert für ihr gleichnamiges Label Kleidungsstücke aus gebrauchten Fellen sowie aus Second-Hand-Leder. „Es gibt eine große Menge an alten Pelzen, die vergeudet werden. Sie hängen im Schrank oder werden weggeworfen. Das hat Pelz nicht verdient“, sagt Horovitz. In Vintage- und Second-Hand-Boutiquen findet sie ihre Schätze, sie recycelt und verarbeitet sie zu neuen Stücken. Da Horovitz keine Pelze oder anderen Stoffe produziert, schadet sie der Umwelt nicht. Sie verwendet nur das weiter, was seinen Schaden bereits angerichtet hat.

Dass der Trend von Upcycling auch im Luxussegment angekommen ist, beweist das Pariser Label Balenciaga. Der Chefdesigner des Traditionshauses, Demna Gvasalia, ist so etwas wie der Messias der High-Fashion und verwandelt alt in neu. Gebrauchte Levi’s-Jeans landen nun nicht mehr im Müll. Neu zusammengenäht und für über 1.000 Euro verkauft, entstehen so teure Design-Stücke. Die Produktionskosten sind verschwindend gering, der Gewinn dafür umso höher. Denn trotz der hohen Preise sind die Hosen ständig ausverkauft.

Die alten neuen Jeans stehen für eine tiefgreifende Bewegung in der Modewelt. Und diesem Trend scheinen sich auch immer mehr Modeketten anzuschließen: Der amerikanische Konzern, Urban Outfitters, kauft für seine Modelinie Urban Renewal alte Kleidung auf. Sie wird repariert oder umgenäht und dann im Laden in Mitten neuer Ware verkauft. Auch der Mode-Gigant H&M hat mittlerweile in fast allen Filialen der Welt Container aufgestellt: Wer Tüten mit alten Kleidern abgibt, bekommt einen 20-Prozent-Rabatt auf einen neuen Artikel. Und H&M geht noch einen Schritt weiter. In seinem Sustainability Report verspricht das schwedische Unternehmen, bis 2030 zu 100 Prozent auf recycelte oder nachhaltige Textilien zu setzen.

Altes umzuwerten ist kein neuer Einfall der Mode. Die Schweizer Brüder Markus und Daniel Freitag gehören zu den Pionieren der Bewegung: Vor 24 Jahren vernähten sie ihre erste Kuriertasche aus einer Lastwagenplane und lösten damit eine neue Welle aus. Robuste und wasserabweisende Taschen, dazu ein positiver Beitrag für die Umwelt. Zu der einen Messenger-Bag sind bis heute über 40 verschiedene Modelle hinzugekommen und das kleine Wohnzimmer-Label Freitag wurde zu einem millionenschweren Geschäft.

Die einen halten Upcycling für simple PR, für andere ist der Trend die Zukunft. In der Mode wird seit Jahren zu viel produziert. Ausbeutung, Kinderarbeit, Umweltverschmutzung – Upycling könnte tatsächlich so etwas wie das Heilmittel gegen die Auswirkungen unseres Konsumwahns sein. Erstens ist die Produktion umwelt- und ressourcenschonender, schließlich muss für eine alte Levi’s-Jeans keine neue Baumwolle geerntet werden. Zweitens kann gutes Upcycling wahre Designkunst beweisen, denn tolle Kleidung aus vorhandenen Stücken zu kreieren ist wesentlich anspruchsvoller. Eins ist zumindest sicher: dass überschüssige Materialien zu neuen Stücken wiederverwertet werden, war längst überfällig.

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