Wann sind wir endlich sicher?

„Es gibt keine Flüchtlingskrise. Nur eine Menschheitskrise. Im Umgang mit Flüchtlingen haben wir unsere grundlegendsten Werte verloren.“ – Ai Weiwei

Wenn man vor etwas Monumentalem steht, spürt man dessen vibrierende Präsenz. Seine Geschichte und vielleicht auch die Menschen, die daran gearbeitet haben. Diese Kraft spürt man in Kathedralen, in gewaltigen Hallen oder auch beim Betrachten bedeutender Kunst. Ai Weiwei ist ein Mann, der dieses Gefühl in seine Kunst verwebt, so selbstverständlich wie eine immerwährende Konstellation, der Mann, der die Fassade des Berliner Konzerthauses mit Hunderten von Rettungswesten für Flüchtlinge verkleidet hat und der die Namen der verschollenen Opfer einer eingestürzten Schule in Sichuan 2008 recherchierte, auflistete und als regimekonträre Kunst ausstellte. Es ist eine Komposition aus widersprüchlichen Gefühlen, Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Staunen und Entsetzen. Ai Weiweis neueste Ausstellung trägt den Namen Law of the Journey und dokumentiert mit seinen Arbeiten die brutale Wahrheit über das Leben auf der Flucht. Es gibt keine Zensur, keine schamhafte Verschönerungen. Nur Tatsachen.

Ai Weiweis Werke gehören zwar zur zeitgenössischen Kunst, die oft schwer zu definieren ist. Doch sind seine Arbeiten meistens nicht abstrakt, sondern so direkt wie ein Schlag ins Gesicht. Man erkennt direkt eine Intention, die nichts mit schwammigen Interpretationsversuchen, mit einem „Vielleicht oder doch“ zu tun hat. Eine uralte Vase aus der Mingdynastie bemalte Ai mit dem Logo von Coca Cola. Er schuf eine Porzellankreation seines blumenverzierten Fahrradkorbs, in dem er jeden Tag seiner Gefangenschaft im Jahr 2011 einen Strauß legte. Durch diese radikalen Erfahrungen in seiner Vergangenheit, seine Inhaftierung, die durchgehende Überwachung und Schikanen durch die chinesischen Regierung weiß Ai Weiwei wie es ist, aus seinem Land fliehen zu müssen.

Ai Weiwei, On the Boat, 2016, color video, 9m40

Stell dir vor du bist auf einem Boot im Meer. Der blaue Himmel spiegelt sich im Ozean und der Horizont ist klar. Die Wellen wiegen sich im Takt des Windes. Du bist allein mit 20 weiteren Menschen auf einem Schlauchboot, das nur die Hälfte der Menschen aufnehmen kann. Das fleckige Plastik reflektiert die Sonne. Sie brennt in deinen Augen. Du bist hungrig. Es gibt nichts zu Essen und zu Trinken, obwohl ihr im Wasser treibt, das scheinbar endlos ist. Nur einen triefenden mit Fäkalien gefüllten Kübel. Die Kinder schreien seit Tagen nicht mehr. Sie haben keine Kraft. Ihr seid allein.

Ai Weiwei wollte dem Gefühl des hoffnungslosen Dahintreibens im Meer so nah wie möglich kommen und ließ sich in einem Schlauchboot im Meer aussetzen. Ein Team filmte ihn aus der Ferne. Es sind mehrere Tage hinuntergebrochen auf ein 10-minütiges Video. An der Wand der Ausstellungshalle hängt ein Fernseher, auf dem das Video in einer Endlosschleife abgespielt wird. Daneben türmen sich sind Tausende von Bildern, die die Reise dokumentieren: Fotos von Rettungshelfern, Ärzten, Soldaten, geflüchteten Kindern und Erwachsenen.

Ai Weiwei, Law of the Journey, 2017

Es ist 9.15 Uhr. Die Nationalgallerie in Prag hat gerade erst geöffnet. Die Haupthalle ist menschenleer. Lediglich in der Mitte steht sein Werk an dem Hunderte Helfer und Ai Weiwei selbst einen Monat unermüdlich gearbeitet haben. Es ist ein riesiges, schwarzes Schlauchboot. Es ist an Seilen hochgespannt und nimmt fast die gesamte Halle ein. Das Boot ist voll besetzt mit überdimensionalen menschlichen Figuren. Sie verharren alle in derselben Position, sitzend, die Arme um die Knie verschlungen. Es gibt Kinder und Erwachsene. Man kann ihre Gesichter nicht erkennen, doch sie sehen alle gleich aus. Um den Hals tragen sie einen Rettungsring.

Es ist wie das Schaubild einer aus dem Kontext gerissenen Arche Noah. Die Passagiere fliehen vor der drohenden Katastrophe, und auf der Suche nach Zuflucht nehmen sie jede Gelegenheit wahr, so verzweifelt sie auch sein mögen. Unter dem schwebenden Boot sind Zitate von namhaften Personen aneinandergereiht: von Kafka, St. Augustine von Hippo, Sokrates, Nawal el Saadawi. So heißt es aus dem Heiligen Koran, Surah 4:97: „War Allahs Erde nicht weit genug für euch, dass ihr darin hättet fliehen können?“

Man muss kein Experte sein, um Kunst zu verstehen. Auch wenn es nicht immer gelingt, den vollen Sinn hinter einem Werk zu sehen, ist es viel wichtiger, was die Kunst mit einem selbst anstellt. Ai Weiwei setzt mit seiner Aktionskunst ein Zeichen. Keine leisen Hinweise oder abstrakte Andeutungen. Sein Motto lautet: „Je gravierender die Fakten, je schlimmer das Problem, desto lauter die Kunst und größer die Motivation, etwas zu verändern.“

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