Wenn Frauen die Strippen ziehen

Schon wieder eine neue Netflix-Serie, dieses mal über Telefonistinnen. Aber interessiert dieses absurde Thema überhaupt?

„Die Telefonistinnen“ ist eine der neuesten Serien aus dem Hause Netflix und gestaltet sich glücklicherweise längst nicht so langweilig wie ihr Name. Die spanische Produktion mit dem Originaltitel Las Chicas del Cable handelt von vier jungen Frauen, die im Madrid der späten 1920er Jahre aus völlig unterschiedlichen Hintergründen und Sehnsüchten einen der begehrten Jobs als Telefonistin im ersten staatlichen Telefonunternehmen ergattern können.

Für Lidia, die sich in ihrem bisherigen Kampf um Eigenständigkeit immer weiter in Schwierigkeiten verstrickt hatte, ist dieser Job ihr letzter Ausweg in die Freiheit. Carlota stammt aus einem gehobenen Elternhaus, von dessen Erwartungen und Kontrollzwängen sie sich mithilfe von eigenen Einnahmen schleunigst befreien möchte. Angéles muss schlicht und einfach ihre Familie ernähren und Magda, die bis Dato ein ruhiges Leben in einem beschaulichen Dörfchen mit ihrer Oma gelebt hatte, wurde nun gegen ihren Willen in die Großstadt geschickt, um sich ein eigenes Leben aufzubauen.

Ähnlich wie das Quartett aus Sex and The City helfen sich Lidia, Carlota, Angéles und Magda durch die großen und kleinen Krisen des Lebens, müssen dabei gelegentlich aber auch untereinander aufkommendem Neid trotzen. Im Gegensatz zu den Sex and the City Mädels haben diese vier jungen Spanierinnen allerdings auch ernsthafte Probleme und jagen anstatt Schuhen und Handtaschen lieber der Freiheit und Unabhängigkeit in einer von Männern dominierten Welt nach. Zu diesem Zeitpunkt hatten Frauen in Spanien noch kein Wahlrecht und waren in jeglicher Hinsicht vollkommen abhängig von ihren Männern. Die Serie gibt einen guten Einblick in das schwierige Leben einer Frau in den 20er Jahren und macht deutlich, was für einen geringen Stellenwert man als solche hatte. Schnell wird klar, weshalb den Spanierinnen ihre Arbeit so viel bedeutet. Die Strippen in der nationalen Kommunikation ziehen zu dürfen bot Frauen zumindest finanziell eine gewisse Unabhängigkeit und somit einen Ausweg aus dem ihrem Hausfrauen – und Mutterdasein.

 

Die Telefonistinnen Magda, Carlota, Angeles und Lidia in ihrer Arbeitskleidung

Offensichtlich ist, dass bei den detailgetreuen Kostümen und Frisuren großartige Arbeit geleistet wurde. In Party-Szenen wippen die Perlenketten und Federn des imposanten Kopfschmucks der 20er Jahre beim Tanzen im Takt und auch die Bob-Schnitte der Frauen, die in geschmeidigen Wellen perfekt am Kopf anliegen, wurden gelungen dem Schönheitsideal der Zeit nachgeahmt. Dennoch vergisst man zwischendurch schnell, dass sich die Geschichte tatsächlich in den 20ern abspielt. Die Sprache ist zeitgenössisch und auch die Musik stellt ähnlich wie bei der jüngsten Verfilmung von The Great Gatsby durch die elektronischen Klänge einen Kontrast zum Visuellen dar. Wer also auf einen Vintage-Charakter gehofft hat, wird enttäuscht. Insgesamt ist die Inszenierung dennoch gelungen. Die Spanier haben es geschafft, das alte Madrid in eine moderne Filmproduktion zu übersetzen und die zunächst absurde Thematik einer Telefongesellschaft in seiner Bedeutung greifbar zu machen. Es ist schön, daran erinnert zu werden, dass die alltägliche und scheinbar schnöde Technik eines Telefonats nicht von irgendwoher kommt, sondern sogar ein Meilenstein in der Geschichte war – und zwar nicht nur im Hinblick auf Kommunikation, sondern auch auf Gesellschaftsstrukturen. Nicht umsonst treffen vier Frauen, die für Unabhängigkeit und Gleichberechtigung kämpfen, in einem Telefonunternehmen aufeinander, das zu dieser Zeit als leuchtendes Symbol des Fortschritts galt.

Der Erfolg der Serie stützt sich allerdings nicht nur auf den geschichtlichen Informationsgehalt, die faszinierenden Kleider oder die Attraktivität der schönen Spanierinnen, sondern lässt sich vor allem damit begründen, dass Las Chicas del Cable mit dem Thema Feminismus in unserer heutigen Gesellschaft wieder einen Nerv trifft. Nicht allzu lange ist es her, dass Dior T-Shirts mit dem Aufdruck „We should all be feminists“ auf den Markt brachte und zahlreiche weibliche prominente mit dem Spruch „My body my choice“ die sozialen Medien überfluteten. Für die heutigen Feministinnen sollte die Serie also auf große Befürwortung und Inspiration stoßen. Und für alle, die das Wort Feminismus schon nicht mehr hören können, ist diese Serie vielleicht der Beweis dafür, dass wir ohne solche Chicas wie Lidia, Carlota, Angéles und Magda nun mal nicht da angekommen wären, wo wir heute sind. Dafür einmal Muchas Gracias!

 

Fotos: Alexandra Cortesia

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