Wer zahlt für Hass?

Menschen lieben es, sich aufzuregen. Ein Fakt, mit dem sich eine Menge Geld verdienen lässt. Wer das zahlt? Du, ich und jeder, der jemals in irgendetwas investiert hat. Eine Angelegenheit, über die man sich schon wieder aufregen könnte.

Machen wir uns nichts vor: Unser wunderbares World Wide Web – leuchtendes Symbol der Globalisierung und magische Pforte zu Informationen aus aller Welt – hat auch weniger wunderbare Seiten. Neben ach-so-süßen Katzenvideos und drolligen Welpen kursiert hier auch eine Menge Hass, oft in Form von ganzen Webseiten. Dass auf solchen Seiten auch noch Werbebanner prangen, kann man kaum glauben. Das können Unternehmen doch nicht ernst meinen?

Gerald Hensel, der bereits auf 20 Jahre Berufserfahrung in der Werbung und digitalem Marketing zurückschaut, machte mit seiner Initiative #KeinGeldFürRechts auf dieses Phänomen aufmerksam und erntete dafür einen beispiellosen Shitstorm. Aufgegeben hat er deshalb noch lange nicht und setzt seine Mission mit seinem neu gegründeten Verein Fearless Democracy fort.

Writing About Fashion: Gerald, nach deiner Aktion #KeinGeldFürRechts sagtest Du, es habe sich gezeigt, dass wir ein ernsthaftes Problem hätten.

Gerald Hensel: Unsere offene Gesellschaft lässt sich in Echtzeit von Hetzern in die Defensive bringen. Facebook ist mit 1,8 Milliarden Mitgliedern wichtiger als das Christentum. Im Vergleich dazu sind die ausführlichen und imposanten Meinungsseiten von der ZEIT, Süddeutsche Zeitung & Co ein Relikt von Gestern. Sie spitzen nicht ausreichend zu. Populisten und Extremisten sind besser vernetzt und geschickter darin, sich im Internet effektiv zu präsentieren. Die Zivilgesellschaft hat enorme Probleme damit.

Deine Aktion endete in einem persönlichen Shitstorm. Hättest du damit gerechnet, dass es so kommt?

Nein, das habe ich unterschätzt. Obwohl ich mir hätte denken können, dass es ernst werden müsste, wenn es um Geld geht.

War es das alles wert?

Absolut. Ich habe etwas offengelegt, was bis dahin nicht bekannt war: Marken geben Geld in Quellen aus, die menschenverachtend sind. Nicht etwa, weil sie es wollen, sondern weil das System intransparent ist. Es gibt ein Grundrecht auf Meinungsfreiheit. Aber es gibt kein Grundrecht darauf, für seine Meinungsäußerungen auch noch Werbegelder zu erhalten. Dessen sollte sich die Gesellschaft und Werbetreibende mal wieder bewusstwerden. Wir müssen als Konsumenten nicht jeden Hetzer mitbezahlen.

 

Gerald Hensel am 09.05.2017 mit „Stop Hatevertising“ auf der re:publica (#rp17) in Berlin. Foto: re:publica/Jan Zappner

 

Was hat dir geholfen mit all dem Druck umzugehen?

Ein Shitstorm ist eine sehr persönliche Geschichte. Ich habe nicht nur etwas Unvorsichtiges geäußert, sondern eine streitbare Meinung in die Welt gesetzt und diese auch verteidigt. Das ist gelungen. Nach 12 Tagen war es vorbei. Bei mir ging’s weiter.

Wieso fahren Menschen so auf Hass ab, während gute News weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen?

Das ist keine neue Entwicklung. Hass hat schon immer funktioniert. Gerade als Deutsche haben wir da ja eine gewisse Tradition. Persönlich glaube ich aber, dass positive Botschaften immer die stärkeren sind. Wenn die Mehrheit der Menschen nicht am Aufbau von etwas teilhaben wollten, wäre die Zivilisation nie dort, wo sie wäre. Aber frei nach Star Wars: “Fear is the path to the dark side. Fear leads to anger. Anger leads to hate. Hate leads to suffering.” Menschen sind unsicher, haben Angst, werden wütend – und viele Menschen verdienen Geld oder bekommen Macht durch das Anfeuern dieser Angst. Ein altes Prinzip.

Sollte sich der Staat einschalten, um Hatevertising zu verbieten und Marketing strenger zu kontrollieren?

Nein. Der Schlüssel liegt bei den Unternehmen selbst. Marken verstehen derzeit nicht, wie ihre eigenen Tools funktionieren und was die Folge daraus ist. Das gilt es zu ändern. Sie müssen verstehen, dass sie entscheiden müssen, wem sie Geld geben.

Im Stern hast Du etwas von manipulativen Knoten gesagt, die Gesellschaften in Echtzeit in Hate-Mobs verwandeln würden. Wie funktioniert das?

Ein gutes Beispiel ist der Anschlag auf den BVB-Bus. Mit einem Mix aus Lügen, Halbwahrheiten und Böswilligkeit stand schon ohne Untersuchungsergebnis fest, dass Muslime den Anschlag begangen haben. Das wird einfach immer weiter durchexerziert, bis sich niemand mehr daran erinnert, dass sie es doch nicht waren. Der Sinn ist, ein gewisses Weltbild zu zimmern. Es geht hier nicht darum, Terror in Schutz zu nehmen, ganz im Gegenteil. Worüber ich rede, ist ein grundsätzlich rassistisches Weltbild. Und mit einer Gesellschaft, die so etwas teilt, möchte ich mich nicht abfinden.

http://uebermedien.de/14759/was-die-afd-ueber-den-bvb-anschlag-zu-wissen-meinte)

Wie erklärst Du dir die Kettenreaktion der Wahl zu rechtspopulistischen und nationalorientierten Staatsoberhäuptern wie Trump oder Erdogan?

Meine These ist, dass das Internet sehr viel damit zu tun hat, dass ausgerechnet jetzt all diese Leute an die Macht kommen, die ihre Botschaften in 140 Zeichen oder weniger an den Mann bringen können. Die Politiker mit einem offeneren Weltbild brauchen Nachhilfe in Kommunikation.

Du bist gerade in der Gründung Deines Vereins Fearless Democracy, mit dem du Strukturen und Wirkungsweisen der Wutindustrie ins kollektive Bewusstsein bringen möchtest. Wie wird das konkret aussehen?

Anders als andere NGOs (Nichtregierungsorganisation) sind wir keine Politaktivisten, sondern Werber, Digital- und PR-Spezialisten. Wir glauben, dass die Zivilgesellschaft einfach noch lange nicht so weit ist, wie sie sein müsste, um die Herausforderungen digitaler Kommunikation gerade im politischen Bereich zu meisten – und genau da setzen wir an: Wir klären auf, wie Politik, Hass und Gesellschaft zusammenhängen. Wir helfen staatlichen Institutionen und der Wirtschaft dabei, auf die Herausforderungen unserer Zeit zu reagieren. Und wir helfen den Opfern politischer Gewalt im Internet. Viel zu tun also.

Weitere Infos unter: fearlessdemocracy.org

Foto: Sarah Deer

Schreibe einen Kommentar