Wie die Schönen wohnen

Laufsteg vs. Jugendzimmer. Fotografin Hadley Hudson porträtierte Newcomer wie auch etablierte Models für ihr Buch „Persona. Models at Home“  in ihren eigenen, oft chaotischen, kleinen Buden und wirft damit einen ungeschönten Blick hinter die perfekte Fassade der Modewelt

Den Alltag eines Models stellen sich viele als eine Abfolge von Reisen, glamourösen Partys und Fotoshootings vor. Auch die kalifornische Fotografin Hadley Hudson dachte, dass sie sich mit Models auskennt. Schließlich arbeitete sie schon für die britische Vogue, Glamour und das Berliner Szenemagazin 032c. Hudson fotografierte sehr teure Kleider an sehr jungen Models – mal vor glitzernder Hochglanzkulissen, mal vor abgewetzten Plakatwänden, aber immer bis ins kleinste Detail geplant, inszeniert und anschließend mit Photoshop perfektioniert. Bis sie eines abends spontane Aufnahmen mit einem befreundeten Model in deren Wohnung machte: Ohne ausgeklügelte Beleuchtung und professionelles Make-up, in Wohlfühlklamotten und ohne nachträgliche Perfektionierung. „Mir wurde klar, dass ich eine sehr festgefahrene Vorstellung davon hatte, wie Models sein müssen. Doch diese Fantasien von einem glamourösen Luxusleben haben nichts mit der Wirklichkeit gemein – das ist allein ein Produkt der Modefotografie.“

Das war 2008. Die intime Ästhetik ließ Hudson nicht mehr los. Mittlerweile besuchte sie weltweit über 100 Models in den eigenen vier Wänden: von New Yorker Apartements über zu klein gewordene Kinderzimmer in Paris bis hin zu besetzten Häusern oder schmuddeligen WGs in Berlin.

 

Aus den anfangs privaten Aufnahmen ist die Werkserie Persona. Models at Home entstanden, die im Hatje Cantz Verlag erschien. Die Vorgaben für ihre intimen Fotografien waren stets dieselben: Die Models – viele noch Teenager – sollten möglichst am Anfang ihrer Karriere stehen und sich in ihren jeweiligen Lieblingsklamotten zeigen. Die übrige Bildgestaltung überließ sie den Models. „Mein Ziel war es, einmal hinter die makellose Modelfassade zu blicken.“ Und so sieht man auf Hudsons Bildern Jungs, die in Jeans oder Jogginghose auf dem zerschlissenen Sofa herumlungern – mit Chipstüte und Jägermeister in greifbarer Nähe. Weltliche Fehlbarkeiten wie Pickel, Narben, Augenringe, sogar ein Hauch Cellulite werden offengelegt. Andere Models wiederum inszenierten sich offensichtlich in verführerischer Unterwäsche in ihrem alten Kinderzimmer oder in einem eleganten Abendkleid auf einer Babydecke. Die Fotos „enthüllen Verletzlichkeit und Übermut, Ängste und Ambitionen der Models“, schreibt der US-Schriftsteller und Modejournalist Michael Gross im Vorwort zum Bildband.

Hudsons direkter dokumentarischer Stil erlaubt intime Einblicke in das private Leben der Teenager und dekonstruiert gleichzeitig die makellose Oberfläche der Modewelt. Ihre Inspirationsquelle war das Konzept der Persona (griech. für Maske) des Schweizer Psychologen C. G. Jung. Persona ist die Maske, die jeder für die Außenwelt trägt. Die gesamte Modeindustrie feiert dieses Versteckspiel. Hudson möchte zeigen, was sich hinter der Maske verbirgt.

Aber sind die Bilder wirklich privat oder lediglich eine weitere Pose? Schließlich stehen keine Normalos, sondern fotogene Männer und Frauen vor der Kamera, die es gewohnt sind, zu posieren. Hudson weiß es oft selbst nicht so genau. Die Grenzen verwischen und genau das war ihre Absicht. „Für diese jungen Menschen prallen wirklich Welten aufeinander – ich wollte zeigen, wie sie sich in diesem Widerspruch zurechtfinden.“ Die meisten hätten sich gefreut, dass sich endlich einmal jemand mehr für ihre Persönlichkeit als für ihr Aussehen interessierte, erzählt die Fotografin. Und irgendwann hätten auch die Coolsten ein altes Stofftier hervorgekramt, das ihnen in der fremden Umgebung gegen das Heimweh helfen soll.

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