“Wir werden alle QR-Codes auf den Grabsteinen haben“

Wühlkisten, zweite Chancen und Vergänglichkeit – ein Gespräch mit Künstler Doménico C. V. Talarico.

 

Es ist Donnerstagnachmittag. Am Rosenthaler Platz treffe ich den Künstler Doménico Carmine Venturo Talarico. Mit einem Kaffee im Pappbecher sitzen wir im Weinbergspark.

 

Writing About Fashion: Kommst du aus einer Künsterfamilie?

Doménico C. V. Talarico: Ich komme aus einer ganz einfachen Arbeiterfamilie. Schon als kleines Kind war ich Kunst-Fan. Ich war ein sehr lautes und nerviges Kind. Man konnte mich am einfachsten besänftigten, wenn man mich vor Stifte gestellt hat. Dann gab ich Ruhe. So fing das an. Mit einem Stift in der Hand bin ich aber nicht entbunden worden. Nein.

Woher kommen deine Bildvorlagen und nach welchen Kriterien wählst du diese aus?

Ich finde sie zum Beispiel auf Flohmärkten oder über diverse Internetseiten, wenn ich gezielt danach suchen gehe. Manchmal schenken mir aber auch Leute, die wissen worauf meine Arbeiten basieren, schöne Fotos, die ich dann in mein Repertoire einfüge.

Wieso gibst du diesen Bildern eine zweite Chance? 

Ich mag alte Ästhetik. Ich finde den Ansatz spannend, zu hinterfragen, was von einem übrig bleibt, wenn man stirbt. Wir haben heute Facebook-Timelines. Die wird es sicher per QR-Code abrufbar auf unseren Grabsteinen geben, wenn wir mal nicht mehr leben. Aber die Leute damals hatten das nicht. Die landen jetzt in Wühlkisten und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Deswegen versuche ich diese Bilder zu nehmen, um subtil darauf hinzuweisen, dass Identität und das, was von einem existiert, vergänglich ist und irgendwann verschwimmt. Wer ist noch da, der sich an dich erinnert, wenn die Menschen in deinem Umfeld nicht mehr da sind? Dann gibt es niemanden mehr und man verschwindet einfach.

Welche Rolle spielt Mode in deinen Bildern?

Ich finde es cool zu sehen, was die Leute getragen haben in der jeweiligen Zeit. Damals hat man sich mehr Mühe gegeben. Heute ist jeder ein bisschen 90er und sieht aus wie Buffy The Vampire Slayer.

Wie benennst du deine Bilder?

Zufällig. Manche Titel kommen mir in den Sinn, sobald ich die Bilder sehe. Manchmal bin ich aber auch einfach nur alkoholisiert und habe ein Blatt dabei und schreibe auf, was mir in den Sinn kommt. So etwas wie: “There Were Plenty Of Fish In The Sea. But Because Of Radiation They’re All Dead Now And I Will Stay Alone Forever.“ Eine ganze Sammlung Titel wartet bereits auf ihren Einsatz.

Was findet man in deinem Atelier?

Lichtlampen: Ich habe zwei Tagesleuchtlampen, die sind richtig hell und richtig weiß. Meine Acryl-Farben natürlich. Und eine Schlafcouch für Gäste.

Hast du Ticks beim Malen? 

Ich benutze einen Farbstift für das Vorzeichnen. Dadurch löst er sich auf, sobald ich mit Pinsel und Wasser drüber male. Deswegen haben die Gesichter der Portraitierten oft einen Schein an ihren Rändern.

Wie lange brauchst du für ein Bild?

Das kommt darauf an, wie sich das Bild fügt. Durchschnittlich sind es zwei Wochen. Ich male aber gleichzeitig an mehreren Bildern. Dadurch kann ich mich zwischendurch ablenken. Manchmal kriegt man nämlich einen Tunnelblick. Und verliert den Blick für das Wesentliche.

Wer inspiriert dich?

Das ist schwierig. Ich inspiriere mich selbst. Ich raffe mich selbst auf, um Dinge zu tun. Dennoch gibt es viele Leute, die ich inspirierend finde. Ich versuche niemanden zu kopieren oder nach zu eifern. Ich lasse mich von der Selbstvermarktung Salvador Dalís und Tamara de Lempickas inspirieren. Von Egon Schieles Unbeugsamkeit, Klimts technischem Können und von Hockneys Ideenreichtum.

Die kommende Ausstellung am 9. Juni trägt den Titel “Everything happens twice“. Was passiert für dich zweimal im Leben?

Man gerät immer zweimal in eine bestimmte Situation. Wenn man sie schon einmal erlebt hat, reagiert man anders und mit mehr Erfahrung beim zweiten Mal. Die Ausstellung ist so betitelt, weil die Personen auf den Bildern erneut aufleben. Sie haben eine neue Identität gefunden. Sie haben noch einmal eine Chance, zu glänzen. Ihre Vergangenheit wird neu geschrieben. Zum andern ist es die zweite Soloausstellung mit der Galerie, mit der ich zusammenarbeite.

Herz oder Kopf?

Martini Bianco.

Zeichne mir etwas auf dieses Blatt.

Sometimes It’s Not Always Crap. It Can Be Schlagsahne As Well.

 

Ab dem 09. Juni 2017 stellt Doménico C. V. Talarico zum zweiten Mal in der Berliner Kunstgalerie Gallery Nomad aus. Die Vernissage ist von 19 bis 22 Uhr, die aktuellen Werke unter dem Motto “Everything Happens Twice“ sind bis 29. Juni zu sehen. Sprengelstraße 23, 13353 Berlin.

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