Wohnst du noch oder trägst du’s schon?

Als Demna Gvasalia im April 2017 seine Models mit der neuen Tote Bag auf den Laufsteg schickte, wusste er sicherlich schon, dass daraus ein medialer Tsunami entstehen würde. Dass ausgerechnet eine Handtasche, eines der Sinnbilder des Konsums selbst an den Grundfesten des Konsumgedankens rüttelt, ist kalt servierte Ironie.

Die neueste Kreation aus dem Hause Balenciaga ist monochrom in leuchtendem Blau gehalten, besteht aus Leder und kostet etwa 2000 €. Zufälligerweise sieht sie aber der Frakta Bag von Ikea zum Verwechseln ähnlich, die preislich bei unschlagbaren 99 Cent liegt. Die ikonische Tasche des schwedischen Möbegiganten, die man entweder beim Plündern der Markthalle oder eben beim Wäscheaufhängen benutzt, sowie das luxoriöse Pendant wurden zu Gallionsfiguren der aktuellen Diskussion darüber was Mode ist und wie viel Mode wert sein soll.

Die Hauptfragen: war es ein künstlerischer, tiefsinniger, schlichtweg genialer Schachzug Gvasalias, dem Mastermind und Hobbyprovokateur hinter dem Kult-Label Vetements, oder war es einfach nur ein simples Plagiat? Da Gvasalia bereits vorher schon den Tick hatte, trashiges Alltagsdesign in seine aufrüttelnde Interpretation von High Fashion zu verarbeiten – man nehme die Heels mit Feuerzeug-Absätzen oder die kuschligen Schals in den Mustern von Aldi-Nord – könnte man vermuten, dass alles geplant und einfach nur Show ist. Doch selbst wenn, wo genau liegt der Reiz eine Luxustasche zu kaufen, die sich an Trash inspiriert, statt das trashige Original zu kaufen? Wenn man die Balenciaga-Kundschaft mit der des zweiten, unabhängigen Gvasalia-Labels Vetements vergleicht, kann man bei beiden von einer eingeschworenen Gemeinschaft von Fangirls- und boys sprechen. Selbstverständlich darf dann die neue Tasche für 2000 € oder auch umgerechnet 5000 Köttbullar, nicht fehlen. Ikea freut sich jedenfalls über die Publicity und den kreativen Flirt.

Aus modetheoretischer Sicht, ist die Handtasche das wohl aufreibendste Accessoire der jüngeren Geschichte. Wer hier lauthals protestierend den Schuh-Kult verteidigt, soll sich bitte an einem Samstagnachmittag den Spießrutenlauf im Erdgeschoss des KaDeWe antun.

Glorreich waren noch die Zeiten, in denen eine erfolgreiche oder auch klug angeheiratete Frau sich eine der Klassiker, eine der Mütter der It-Bags, gegönnt hat. Gemeint sind damit Taschen auf dem zeitlos eleganten Level einer 2.55 oder Boy von Chanel, einer Luggage von Céline oder der Sac de Jour von Saint Laurent. Stattdessen versuchen Traditionshäuser diese Klassiker mit einem neuen Etikett zu versehen, was leicht in die Hose gehen kann. Zuletzt hat man das bei der Jungernfahrt der 51 Modelle von Louis Vuitton gesehen, die vom Pop-Art-Künstler Jeff Koons mit den klassischen Werken großer Meister wie Da Vinci, Rubens oder Van Gogh vollgeklatscht wurden. Nette Idee um Mode und (ästhetische!) Kitsch-Kunst zu vereinen, doch erinnert das Resultat weniger an Galerien, Luxus-Boutiquen, erst Recht nicht an einen Platz am Arm einer stilsicheren Frau, sondern an einen Ramschladen im Thailandurlaub.

Doch bereits in der Vergangenheit haben Taschen ein völlig neues modisches Level erreicht, das weit entfernt vom praktikablen, ursprünglichen Zwecks ist. Im Jahr 2012 lancierte Karl Lagerfeld die Hula Hoop Bag, die eine der größten Taschenmodelle überhaupt ist und auch Potenzial als Ersatzreifen für LkW’s hätte. Auf der anderen Seite gab es 2016 den Trend die Superlative in die andere Richtung zu lenken und Mini Bags zu erfinden, unter anderem bei Fendi, Aigner und Chloé, in die man mit etwas Glück und Gewalt eine Schachtel Zigaretten verstauen konnte. Obwohl die Mini Bags keinerlei praktischen, dafür aber einen umso größeren und vor allem niedlicheren Faktor vorweisen können, stürzen sich Fashionistas auf das Accessoire und tragen sie stolzer als ein Soldat seine Paradeuniform.

Die Zeiten an denen die Handtasche ein stilistisches Sahnehäubchen waren, sind vorbei gewesen, als It-Bags nicht mehr in Glasvitrinen angeboten, sondern wie auf dem Restposten verschachert wurden. Wer möchte heute noch für die horrenden Preise einer Luxustasche ackern, wenn man sie bereits an jeder alleinerziehenden Berlin-Mitte-MILF sieht? Trotzdem wird die Faszination der Handtasche niemals erlöschen. Denn während die einen sich mit Chantal und Cheyenne rumschlagen, träumen andere von Kelly und Birkin.

Um wieder auf Demna und Ikea zurückzukommen: heiß diskutiert werden die Plagiatsvorwürfe. Doch ist es nicht Gvasalia selbst, der diesen kritischen Punkt immer wieder ausreizt? So oft sieht man Logos und Muster, die einem irgendwoher bekannt vorkommen, dass es mittlerweile ein Stilmittel seines Designs ist, eine humoristische Hommage in Richtung Pop-Art oder auch anders gesagt: eine stilvolle Verarsche der Gesellschaft. Modisch sieht es jedenfalls trotzdem aus.

Illustration: Marvin Ku

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