Man kann’s auch übertreiben

Da Kleidung auf dem Körper getragen wird und somit die Wahrnehmung dominiert, ist sie ein zentrales Element der Identität. Dementsprechend wird auch die Geschlechteridentität über Kleider ausgedrückt. Gerade die Vielfalt in der Mode ermöglicht es, immer wieder neue Trends entstehen zu lassen. So wurde Unisex zum Hauptaugenmerk der letzten Jahre und ist unverzichtbar für die Modewelt geworden. Plötzlich sind Geschlechter nicht mehr nur auf weiblich und männlich zu beschränken, sondern die Mode scheint verspielt mit den doch so gewohnten Unterscheidungen umzugehen.

Um mich ein wenig mehr mit diesem Thema auseinanderzusetzen, nahm ich an einer Veranstaltung zweier junger Däninnen teil, die unter dem Titel „Gender in Fashion“ stattfand. Geplant war eine zweistündige Diskussionsrunde mit mehreren Teilnehmern aus unterschiedlichen Ländern. Ich war sehr aufgeregt vor dem Treffen und hatte mich zuvor schon wesentlich mit dem Thema auseinandergesetzt. Schließlich fühlte ich mich durchaus geehrt, dass sie mich zu der privaten Runde eingeladen haben, um mein Wissen und meine persönliche Meinung zu dem Gebiet der Gender Fashion mitzuteilen.

Als ich an dem Abend viel zu spät die Berliner Altbauwohnung der beiden Mädchen betrat, wartete bereits eine Gruppe von zehn Personen auf mich, um endlich anfangen zu können. Mir bot sich ein Bild unterschiedlichster Gesichter, Hautfarben und Körperformen. Ob nun ganz zierlich androgyn, stämmig mit Latzhose und Undercut oder eher auf den ersten Blick grau und unscheinbar – jede Person für sich lebte die Inszenierung. Sie baten mich, auf einem der zwei aufgestellten alten Sofas platz zu nehmen, die sie am Wochenende zuvor an einem der Stände im Mauerpark ergattert hatten. Ich bekam ein Glas Wasser in die Hand gedrückt und durfte mich sofort der geduldig wartenden Gruppe vorstellen. Natürlich im perfekten Englisch.

Nachdem die wesentlichen Stichworte wie Modejournalismus, Berlin und Freigeist gefallen waren, wurde ich sofort zu meiner Sexualität durchlöchert. Wie, ich bin hetero? Wie, ich habe nur mal so aus Neugier Frauen gedatet? Mir wurde relativ schnell klar, dass ich inmitten einer extrem engstirnigen Queer-Gruppenkonstellation gelandet bin, die mich und meine Heterosexualität nicht ganz so willkommen hießen, wie gedacht. Wenigstens bin ich promiskuitiv. Ich durfte bleiben.

Nachdem der zuvor aufgestellte Beamer angeschmissen und verschiedene Modestrecken an die Wand geworfen wurden, drängten die Gastgeberinnen jedem zu einer ausführlichen Meinung. Ich starrte auf verschiedene Kampagnen von Chanel und Gucci des vergangenen Jahres und konnte den Bezug zum Thema des Abends leider nur flüchtig herstellen. Auf einem der Kampagnenbilder war ein junger Mann zu sehen, der sich in einem mit alten Möbeln verzierten Büroraum beifindet. Angelehnt an ein Fahrrad, läuft ein Leopard vor ihm auf und ab. Nachdem jedes einzelne Bild zerrissen wurde und mit Vorurteilen der Genderfraktion zu kämpfen hatte, war ich an der Reihe, meine Meinung zu äußern. Da ich ein großer Fan beider Labels bin und nicht wusste, warum ein Leopard in der Kampagne plötzlich zum Sinnbild für Homophobie mutieren konnte, setzte ich eine Runde aus.

Da auch die weiteren gezeigten Folien die Gruppe nur zum Fluchen brachte und als Hochverrat an der Gesellschaft bezeichnet wurden, entschloss ich mich, zu gehen. Für mich war und blieb es unklar, warum Modekampagnen, die vorrangig Kleidung gekonnt in Szene setzen, sie so furchtbar angriffen. Ihre Argumente erschienen mir immer niveauloser und abgedroschener. In jedem Bild sahen sie einen Angriff ihrer selbst. Mit den Abschlussworten „Guys, you just need the attention“ verabschiedete ich mich von der Gruppe. Diskussion beendet!

Credits: Nathalie François

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