Alles aus Überzeugung Ein Telefonat mit Ricarda Messner, einer der jüngsten Herausgeberinnen Deutschlands

Spätestens nach ihrer Auszeichnung von Forbes 2016 ist Ricarda Messner einer der gefragtesten Entrepreneurinnenunserer Zeit. Mit nur 23 Jahren gründete sie ihr erstes Magazin Flaneur, das dieses Jahr zum siebten Mal erscheint. Jede Ausgabe ist einer Straße in einer internationalen Stadt gewidmet. Zwischen einem Meeting beim Zeit Magazin und einem Beyoncé-Konzert am Abend findet die vielbeschäftigte Gründerin Zeit für ein Telefonat. Ein Gespräch über Mut, Gründergeist und die deutsche Medienlandschaft.

Writing about Fashion: Eigentlich hast du ja Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert. Wie setzt du dieses Wissen bei deiner Arbeit ein
Ricarda Messner: Eigentlich war ich damals viel zu jung zum Studieren und habe gar nicht richtig verstanden, was ich da tue. Ich habe direkt nach dem Abi mein Studium angefangen ohne zu wissen, was ich eigentlich wollte. Jetzt würde ich es ganz anders machen. Ein Jahr nach meinem Uniabschluss habe ich das Magazin gestartet. Das wurde dann zu meinem richtigen Studium.

Woher kam damals der Entschluss, Flaneurzu gründen?
Es war eine gute Mischung aus Naivität und Überzeugung. Ich hatte gar kein Fachwissen von der Industrie oder vom Publishing. Zwar habe immer gerne gelesen, aber eher Bücher und keine Magazine, wie andere Herausgeber. Mir war gar nicht klar, welche Magazine schon auf dem Markt sind. Es gab weder einen Business-Plan noch eine Marktanalyse. Ich war einfach überzeugt von meiner Idee. Erst danach habe ich recherchiert und gemerkt, dass es diese Radikalität, eine Straße pro Ausgabe zu beleuchten, noch nicht gibt. So sind die meisten meiner Entscheidungen. Ich denke erst mal darüber nach, was mich selbst interessieren würde und dann denke ich an den Rest.

Das ist ja eine sehr mutige Herangehensweise.
Irgendwie war es mutig, aber ich hatte auch die Intuition, dass es klappt. Außerdem hatte ich Glück und habe die richtigen Leute kennengelernt. In der Anfangsphase merkt man dann auch, wie Menschen auf das Projekt reagieren. Es hat geholfen, das Interesse von anderen Leuten zu wecken. Und das hat mir den Mut zum Weitermachen gegeben.

Was erfordert dir mehr ab? Ein Magazin zu gründen oder es weiterzuführen?
Das kann ich ganz schnell beantworten. Das letztere! Die Energie, die man am Anfang eines Projekts hat, macht das Ganze sehr einfach. Worauf es dann ankommt, ist, bei dieser Sache zu bleiben und sich weiterhin für die Dinge zu begeistern und sie weiter zu denken.

Das hat ja dann auch wirklich funktioniert.
Ja, wir sind jetzt bei der siebten Ausgabe. Flaneurist kein Massenmedium, es war auch nie als eins vorgesehen. Aber mit den Mitteln, die uns von Anfang an zur Verfügung standen, konnten wir alles realisieren und das hat funktioniert.

Und wie! Du wurdest von Forbes zu den Erfolgreichsten „30 under 30“ gekürt.
Ach ja … (Man hört ihr Seufzen durch das Telefon) Es ist ja so ein klassisches Gesellschaftsding, diese Awards. Natürlich ist es total toll. Aber am Ende des Tages glaube ich nicht, dass ich wirklich zu den Top 30 unter 30 gehöre. Es ist mir fast unangenehm. Am Anfang habe ich lange gegrübelt, ob ich das Ganze überhaupt online stelle. Letzen Endes habe ich dann überlegt, wie ich die Auszeichnung für mich nutzen kann, um neue Leute für meine Projekte zu gewinnen.

Wie fühlt es sich an unter 30 schon seine Ziele erreicht zu haben?
So fühlt es sich gar nicht an! Einerseits habe ich das Ziel erreicht, indem die Projekte Wirklichkeit geworden sind. Es gibt aber noch so viel mehr, was ich machen möchte. Es ist alles in einer konstanten Weiterentwicklung. Vor allen Dingen bei Projekten, in denen noch so viel Potenzial steckt, das noch nicht ausgeschöpft ist. Gerade bin ich in einer Phase, in der ich alles noch mal hinterfrage. Ich schaue nach dem Grundkern, der in allen Projekten stecken sollte, die ich ins Leben rufe.

Was soll denn dieser Grundkern sein?
Es geht immer darum, Leute in einen gewissen Austausch zu bringen, mit Gemeinschaften zu arbeiten und jede Sichtweise, Meinung und Gefühle demokratisch zuzulassen. Flaneurist nur im Verkauf ein elitäres Produkt, weil es kostet Geld und nur in bestimmten Läden erhältlich ist. Bei der Arbeit vor Ort gibt es jedoch keine Schranken. Mich interessiert, was die Leute fühlen oder denken, und ich versuche, das auf unterschiedlichste Weise zu zeigen.

Ich finde es sehr beachtlich, dass du dich für ein Printmagazin statt für einen Onlineauftritt entschieden hast. Wieso der ganze Aufwand?
Man sollte immer das Medium wählen, das für die Geschichte, die man erzählen will, am besten geeignet ist. Flaneurlebt davon, dass wir zwei Monate vor Ort verbringen, uns sehr viel Zeit lassen und sich alles am Ende wie ein Puzzle zusammenfügt. Das digital zu übersetzen, ist unmöglich. Wir wollen dem Leser eine ähnliche Erfahrungsweise eröffnen, sodass er Seite vier oder Seite 80 aufschlagen kann, versteht, worum es geht, und nicht erst runterscrollen muss. Das hat aber nichts damit zu tun, dass ich das Statement „Print ist nicht tot“ machen wollte. Das haben sehr viele so aufgefasst, gerade als dieser krasse Hype um das Magazin gemacht wurde. Ich würde auch den meisten davon abraten, ein Magazin zu gründen. Man sollte genau hinterfragen, ob die Dinge in einem Printmedium erzählt werden müssen. Im Zweifel ist schon ein Instagram Account genug. In der heutigen Zeit ist es ja so, dass jeder Publisher sein kann.

Apropos Zeiten in denen jeder Publisher sein kann: Wie gewährleistest du deinen Lesern anspruchsvollen Journalismus, wenn jeder Blogger schreiben kann, was er will?
Ich finde es gut, dass Journalismus mittlerweile breiter gefasst wird. Ich bin seit einiger Zeit beim Zeit Magazin und schreibe dort mit Christoph Amend den täglichen Newsletter. Jeden Morgen legen wir den Themenmix fest und als Inspiration schauen wir überall nach. Klassische Leitmedien, aber natürlich auch Blogs, Instagram oder Twitter. Geschichten werden überall erzählt.

Denkst du, dass Print in der Zukunft Bestand haben wird?
Auf jeden Fall! Der Mensch braucht eine Vielfalt an Dingen, die er unterschiedlich wahrnehmen kann. Es wird sich sehr viel verändern, vor allen Dingen beim Tageszeitungsgeschäft. Aber darüber hinaus gibt es so viele verschiedene Segmente. Ich glaube, dass es sich auf verschiedenste Formate reduzieren wird. Ich finde es inspirierend, wie manche Accounts auf Instagram schon wie ein Minimagazin wirken. Aber Print wird nie aussterben.