Bis zum Blackout RIN in Concert

Der deutsche Rap – früher kritisch betrachtet, mittlerweile weitesgehend akzeptiert und von der breiten Masse geliebt.

Am späten Sonntagabend tummeln sich die RIN-Fans vor der ausverkauften Columbiahalle im Berliner-Stadtbezirk Neukölln. Die meisten von ihnen sind Teenager oder gerade mal Anfang Zwanzig. Die Mädchen tragen enge schwarze Hosen, kurze Tops und dazu weiße Sneaker. Die Jungs: Jeans, lässige T-Shirts und weiße Sneaker von Adidas, Nike oder Fila. Hauptsache man gehört dazu und kommt seinem Idol noch näher. In der einen Ecke kreischen die jungen Mädels wie Frauen in der Zalando-Werbung, in der anderen kommt lauter Gesang und tiefe Bässe aus den Mini-Soundboxen, die mit gestreckten Armen in die Höhe gehalten werden. Im Qualm der Zigaretten und Bierdunst unterhalten sich die Jugendlichen über Gott und die Welt. Alle warten auf eine Person: dem deutschen Cloud-Rapper, der gleich seinen großen Auftritt hat.

RIN, der mit bürgerlichen Namen Renato Simunovic heißt, begeistert seine Fans nicht mit Wortspielen oder abgekauten Vergleichen, sondern mit dem großen Lockermachen. Er rappt über Liebe, Frauen, Freunden und Textillien. Keine harten Beats, sondern sanfte Bässe und Autotune machen seine Songs einzigartig. Textzeilen wie: „Mein iPhone-Handy-Bildschirm ist gekracht. Übel Teuer“, kann jeder mitfühlen, denn jeder hat so was schon erlebt. Seine Texte sind nicht gesellschaftskritisch, denn er konzentriert sich auf das, was bei ihm gerade Phase ist und was die Masse feiert. Manchmal sitzt er Tage an einer Textzeile, um sie durch Wiederholungen und leichte Variationen zu einem ganzen Songtext auszubauen. Seine Musik nimmt viel Aufwand in Anspruch, um so billig wie möglich zu klingen. Die ganze Welt steht ihm noch offen. Das ausverkaufte Konzert mit rund 6000 Besuchern ist erst der Anfang seiner Karriere.

Die Konzerthalle füllt sich und aus den kleinen Gruppen wird eine große, drängelnde Masse, die es kaum erwarten kann, RIN ganz nah zu sein. Zur Einstimmung werden Lieder angesungen, die die Fans des schwäbischen Rappers auswendig können. Die Lichter flackern. Endlich betritt er die Bühne.

Wie RIN etablieren sich zur Zeit viele Künstler in der Deutschrap-Szene. Cloud Rap nennt man das Phönomen, das sich immer mehr durchsetzt, eine Hip-Hop-Spielart mit viel Gefühl, flächigen Keyboards und Autotune-Einsätzen. Das reduzierte Klangbild bildet einen angenehmen Kontrast zur Aggressivität von Straßenrappern wie Bushido oder Haftbefehl. Heute sind viele Emotionen im Spiel, inspiriert von nordamerikanischen Vorbildern wie Drake oder Frank Ocean und diese werden gerne gehört.

Die Rap- und Hip-Hop-Szene entwickelte sich Anfang der 80er-Jahre in Deutschland. Filme wie Beat Street und Wild Style animierten auch die deutsche Jugend zum Rappen und Breaken. Die erste deutschsprachige Veröffentlichung eines Hip-Hop-Songs war eine Parodie des Hits „Rapper’s Delight“ von GLS-United. In Deutschland galt das Texten in deutscher Sprache zunächst als Tabu, bis irgendwann ein Mitglied der Heidelberger Rap-Gang Advanced Chemistry anfing, auf Deutsch zu freestylen. Die Pioniere des deutschen Raps stammten nicht aus armen Verhältnissen. Dementsprechend gab es hier noch nicht den harten Rap von den Straßen, der sich in den USA etablierte. Dies änderte sich, als Anfang der 2000er-Jahre das Independet-Label Aggro Berlin gegründet wurde und noch bis heute erfolgreiche Rapper wie Sido, Fler und Bushido groß herausbrachte. Mit hartem Image und noch härteren Texten schafften sie es, die Aufmerkamkeit der deutschen Medien auf sich zu ziehen. Seitdem wurde deutscher Rap immer beliebter und entwickelte sich zu einem festen Teil der deutschen Popmusik.

Der sogenannte „Gangster-Rap“ ist noch immer die dominierende Thematik und führt in den meisten Fällen eher zum Image-Verlust, als zum Aufstieg. Bei den frei erfundenen Geschichten aus dem Ghetto geht es weniger um den Inhalt, sondern darum, wer die heftigste Story zu erzählen hat. Sie wollen mit ihren Texten provozieren. Doch in vielen Fällen geht das nach hinten los und man kann nicht mehr zwischen Ironie und Ernst unterscheiden. Diese Entwicklung erreichte bei der Echo-Verleihung 2018 seinen traurigen Höhepunkt. Die Rapper Kollegah und Farid Bang erhielten mit Textzeilen wie „Mein Körper definierter als von Ausschwitzinsassen“ oder „Mache mal wieder ’nen Holocaust, komm‘ an mit dem Molotow“ den besagten Preis. Nach zahlreichen Diskussionen hatten daraufhin viele Künstler ihre Echos zurückgegeben. In Zukunft wird es den Ehrenpreis gar nicht mehr geben.

Doch es geht auch anders, wie es RIN, Bausa oder Cro mit stilvollen Texten und Charakter beweisen. Sie machen der deutschen Rap- und Hip-Hop-Szene alle Ehre und verbinden unverblühmt Rap und Pop miteinander.

Das Konzert ist im vollen Gange. RIN steht auf einer hochgefahrenen Plattform, wackelt hin und her und singt in sein Mikrofon, bis plötzlich alles dunkel ist. 20 Minuten stimmt er mit seinen Fans Sprechchöre an. Doch im ganzen Bezirk sind die Lichter ausgegangen und das Konzert wird abgebrochen. Schwitzend aber voller Euphorie verlassen die Fans den Saal und keiner zieht ein langes Gesicht. Trotz des Blackouts hatten alle einen gelungenen Abend.