Depressionen und Suizidgedanken: Generation Y

„Glück kann sogar in der dunkelsten Stunde gefunden werden, wenn man daran denkt, das Licht anzumachen.“ – Albus Dumbledore, Harry Potter

Mitglieder der Generation Y leiden häufiger an Depressionen und haben eine erhöhte Suizidrate im Vergleich mit vorangegangenen Generationen. Zunehmender Leistungsdruck in Schule und Beruf sowie die belastende Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken werden dafür verantwortlich gemacht. Der Weg aus der Krise führt über den offenen Umgang mit depressiven Stimmungen und der rechtzeitigen Suche nach professioneller Hilfe.

Die Vertreter der Generation Y, auch „Millenials“ genannt, ist die Generation der Jahrtausendwende, geboren zwischen 1980 und 2000. Der New Yorker Kulturanthropologe Simon Sinek bezeichnet sie in einem Interview mit der Plattform Inside-Quest als eine besonders kluge, differenzierte und verantwortungsvolle Altersgruppe. Aber auch als eine bei der Depression und Suizid weit häufiger vorkommen, als bei den vorangegangenen Jahrgängen, den Babyboomern oder der Generation X. Er sagt: „Das eigene Denken sei zu stark davon geprägt, wie der Blick von außen auf einen fällt. Erfolge sollen sich in kurzer Zeit zeigen.“ Dieser Leistungsdruck kann zu Frust bis hin zu Depressionen führen.

Depressionen können je nach Schweregrad auch zur vollständigen Berufsunfähigkeit führen. Mindestens so wesentlich sind auch sekundäre Folgen, Krankheiten und Suchtverhalten, die sich im Rahmen einer Depression einstellen. Laut einer Studie der DAK gehen viele Depressive auch weiter zur Arbeit, um ihren Schwächezustand nicht offenbaren zu müssen. Der Leidensdruck führt mitunter auch zu Suizid.

In Deutschland hat auch die Bildungsreform mit der verkürzten Schulzeit den Druck auf die junge Generation erhöht, sich möglichst früh für einen Beruf zu entscheiden. Das Managen des eigenen Lebenswegs wird zur erdrückenden Aufgabe. Praktika, Auslandsaufenthalte, den richtigen Lebenslauf, den richtigen Lifestyle – selbst wenn der Erfolg sich einstellt, bleibt das befriedigende Glücksgefühl einer sich dauernd überfordernden Generation oft aus. Kompensation bietet häufig nur der Konsum. Netzwerke, wie Facebook und Instagram, schüren einen regelrechten Wettbewerb, um die Darstellung des eigenen Glücks angestoßen, sie lassen aber keinen Raum für die aufrichtige Darstellung der eigenen Gefühle. Eine Studie der Houston University (2014) konnte zeigen, dass sich Facebook-User mit hohen Nutzungszeiten verstärkt unter Depressionen leiden. Die Selbstmordrate in der Altersgruppe von 15 bis 35 Jahren ist in den USA in den letzten zehn Jahren um 27 Prozent angestiegen.

Die Studie von Bensinger, Dupont & Associates stellte fest, dass 20 Prozent der Mitglieder der Generation Y über Erfahrungen mit Depressionen berichten. Bei Jugendlichen unter 25 Jahren ist Suizid nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache. Sie liegen damit deutlich über den Werten der Vorgängergenerationen. Gleichzeit tendiert diese Generation am stärksten dazu, die Depression zu verstecken. Online findet man deshalb oft nur Berichte Betroffener aus den älteren Generationen.

Der Druck ist offenbar enorm. Obwohl den jungen Erwachsenen alles offen steht, sind trotzdem viele verzweifelt. Warum sehen viele in dieser Situation nur noch den selbstgewählten Tod als den einzigen Ausweg? Simon Sinek sieht auch die Schuld bei den Unternehmen. Sie gäben den jungen Berufsanfängern keinerlei Unterstützung, ihre Persönlichkeit zu festigen und Zuversicht zu entwickeln. Der Alltag in der heutigen Arbeitswelt ist vor allem auf Effizienz getrimmt. Leistungen werden anhand von Zahlenvorgaben dauernd überwacht. Den Berufsanfängern würden schon in den ersten Monaten erhebliche Frustrationen zugemutet.

Aber persönliche Beziehungen und erfolgreiche berufliche Wege bräuchten genau das Gegenteil, nämlich Geduld. Das sei die wichtigste Aufgabe von Ausbildern und Unternehmen: Diese besondere Generation bei der Bewältigung ihrer Enttäuschungen zu unterstützen und in eine stabile Persönlichkeitsentwicklung zu führen.

Insofern stellt sich die Frage, welcher Weg führt aus diesem Dilemma heraus? Der erste Schritt wäre, mit Depressionen und bedrückenden Stimmungslagen offen umzugehen. Die Krankheit zuzulassen und nicht zu verdrängen. Hanne, eine Psychologie-Studentin und Vertreterin der Generation Y, beschreibt die Wichtigkeit solcher Angebote: „Das Thema ist sensibel und wird unterschätzt. Dadurch trauen sich nur Wenige, sich an professionelle Therapeuten zu wenden. Online-Hilfsangebote sind anonym und können für den Anfang helfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Betroffene dann den Schritt zur Therapie machen, wird so ebenfalls gesteigert.“ Die richtige psychotherapeutische und gegebenenfalls medikamentöse Behandlung sei jedoch enorm wichtig. Der Anfang dazu wäre das Eingeständnis, dass etwas nicht stimmt. Mit Vertrauten darüber zu reden, wäre in dem Zusammenhang ein wichtiger Schritt.

Online-Beratungsstellen haben die zunehmende Häufigkeit von Depressionen bei der Generation Y auch als Geschäftsfeld erkannt. In Berlin bietet „Selfapy“, eine Gruppe von Psychologen, Online-Kurse und Online-Beratung für Depressive an. Es geht darum, keine Zeit zu verlieren. Hierzu sagt die Gründerin Nora Blum: „Wir wollen Psychotherapie digitalisieren und so die langen Wartezeiten für Therapieplätze sinnvoll überbrücken.“

Besonders wertvoll ist die Arbeit der „Freunde für’s Leben“, eine gemeinnützige Initiative zur Beratung und Unterstützung Suizidgefährdeter. Der Verein bemüht sich nachhaltig darum, das Thema Depression und Suizidgedanken zu enttabuisieren. Er organisiert Kampagnen und Veranstaltungen, bei denen auch Prominente von ihrer Depression und schwierigen Lebenslagen berichten, in denen sie auch an Suizid dachten. Der Verein betreibt dafür auch einen eigenen TV-Kanal auf YouTube.

Gemeinsam mit Fotograf Tom Wagner startete der Verein ein eigenes Kunstprojekt „Talk“. 50 Künstler nehmen daran teil. Sie werden fotografiert und gleichzeitig aufgefordert, Bilder so zu verändern, dass ihre innersten Ängste und Sorgen zum Ausdruck kommen. Die Bilder sollen helfen, frei über die eigenen Unsicherheiten und Bedrückungen zu sprechen. Talk veranstaltet dazu Podiumsdiskussionen und Ausstellungen. „Kunst kann Leben retten“, das ist die Hoffnung, die die Vorsitzende des Vereins Diana Doko damit verbindet. Depression und Melancholie nicht als Mangel oder Schwäche zu erleben, sondern auch als besondere Sensibilität, die Kunst und Literatur hervorbringen kann.

Joan Rowling sprach einmal vor Studenten der Harvard-Universität und schilderte, dass „Harry Potter“ aus einer ihrer größten Lebenskrisen entstand. So sieht es auch Albus Dumbledore, ein Zauberer aus Harry Potter und der Gefangene von Askaban: „Glück kann sogar in der dunkelsten Stunde gefunden werden, wenn man daran denkt, das Licht anzumachen.“ Mehr Aufklärung kann Leben retten.