Der Meisterfälscher Die Kunst zu kopieren

Der Maler und Künstler Wolfgang Beltracchi fälschte jahrzehntelang Gemälde berühmter Künstler. Sogar heute könnte man noch ahnungslos im Museum vor einer Beltracchi-Fälschung stehen.

Was muss das für ein Gefühl sein, vor seinem eigenen Gemälde in einem weltberühmten Museum zu stehen und es steht ein fremder Name darunter. Für den Maler und wohl berühmtesten Kunstfälscher der Gegenwart Wolfgang Beltracchi war das lange Zeit Realität. 25 Jahre lang führte er renommierte Kunsthistoriker und große Auktionshäuser an der Nase herum. Er kopierte berühmte Künstler wie Max Ernst, Heinrich Campendonk oder Max Pechstein. Bis heute sollen immer noch bis zu 300 gefälschte Bilder im Umlauf sein.

In dem autobiografischen Dokumentationsfilm Beltracchi unterhält sich der 67-jährige Künstler mit dem deutschen Kunsthistoriker Henry Keazor. Beltracchi behauptet: „Ich bin der Meinung, dass ich eigentlich alles malen kann.“ Worauf Keazor ihn fragt, ob er auch Leonardo da Vinci fälschen könnte. Beltracchi sitzt gelassen vor seiner Staffelei. Fast nebenbei antwortet er: „Natürlich, gar nicht schwierig.“ Wolfgang Beltracchi sitzt in seinem Atelier umringt von bunten Bildern. Seine langen graublonden Haare fallen ihm ins Gesicht, während er langsam Farbe auf die Leinwand aufträgt. Wie auf fast allen Fotos trägt Beltracchi ein lockeres bunt gemustertes Hemd und einen braunen, runden Filzhut.

Wolfgang Beltracchis wohl bekannteste Fälschung ist das Gemälde „Rotes Bild mit Pferden“. Seine Frau Helene verkaufte das Bild als Original des niederländischen Malers Heinrich Campendonk an ein Auktionshaus. Im Jahr 2006 wurde es für einen Rekordpreis von 2,4 Millionen Euro versteigert. Doch sein größter Verkauf wurde ihm später zum großen Verhängnis. Bei einer Untersuchung stellte sich heraus, dass Titanweiß für das Gemälde benutzt worden war. Für ein 1914 gemaltes Gemälde unmöglich. 2010 flogen die Beltracchis auf. Wolfgang wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt. Seine Frau Helene zu vier Jahren. Doch beide durften ihre Strafe im offenen Vollzug verbüßen.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahr 2015 hatte Wolfgang Beltracchi Wut, aber auch viel Bewunderung auf sich gezogen. Er veröffentliche eine Biographie und einen Dokumentarfilm über sein Leben. In der Sendung „Der Meisterfälscher“ des Fernsehsenders 3sat porträtiert Beltracchi heute Prominente im Stil von unterschiedlichen Künstlern. Eigene Bilder stellte er in der Schweiz und Deutschland aus. Zusammen mit seiner Frau Helene lebt er in der Nähe von Luzern in der Schweiz.

Bereits als Kind fing Wolfgang Beltracchi an zu zeichnen und zu malen. Er sagt, für ihn sei das Malen wie Zähneputzen. Sein Vater restaurierte Kirchenbilder und verkaufte nebenher, so wie es Wolfgang auch später machte, Kopien von bekannten Künstlern auf dem Markt im nordrhein-westfälischem Geilenkirchen. Mit 14 Jahren malte Beltracchi seine erste Kopie. Sein Vater gab ihm eine Postkarte von Pablo Picasso, die er nachzeichnen sollte.

Als Jugendlicher verdiente er sich bereits auf ungewöhnliche Weise sein Taschengeld. Neben der Schule arbeitet er in einem Nachtclub und verkaufte Pornohefte auf dem Schulhof. Dafür flog er dann auch von der Schule. Er lebte schon früh noch nach seinen eigenen Regeln. Freiheit ist das Wichtigste für ihn.

Wolfgang Beltracchi studierte bereits mit 17 Jahren Grafik und Illustration an der Werkkunstschule in Aachen. Nach sechs Semestern hatte er keine Lust mehr auf das Studium und verließ die Kunsthochschule ohne Abschluss. „Ich bin nur hingegangen, weil ich Zeichnen lernen wollte“, erklärt Beltracchi in einem Interview mit dem Online-Magazin ZeitCampus. Das Malen habe er vorher schon beherrscht, daher hätte ihn der Abschluss nicht weiter interessiert. Danach reiste er mit seinem Motorrad durch Europa und Nordafrika und lebte in zahlreichen Wohngemeinschaften und Kommunen. Um sich zu finanzieren, kopierte er Meisterwerke von berühmten Künstlern und verkaufte die Bilder auf Flohmärkten.

Anfang der 80er-Jahre zog der damals 30-Jährige nach Düsseldorf und begann mit dem professionellen Fälschen von Kunstwerken. Das Raffinierte an seinen Kopien ist, dass er nur Bilder fälschte, die als verschollen galten und von denen es keine Fotografien gab. Oft waren bei diesen Gemälden nur der Titel, die Größe und eine grobe Beschreibung bekannt. Als er 1994 seine spätere Ehefrau Helene Beltracchi kennenlernte, übernahm sie das Verkaufen der Bilder an die Auktionshäuser.

Wolfgang Beltracchi studierte die Künstler, die er kopierte monatelang, um deren Handschrift zu lernen. „Ich habe viel recherchiert, mir Orte angeschaut, wo sie gelebt haben, Häuser, in denen sie malten. Ich habe ihre Briefe und Tagebücher gelesen. Und sogar versucht, das zu essen, was die Künstler damals gegessen haben“, erklärt er gegenüber ZeitCampus.

Wolfgang Beltracchi malte seine Kopien mit so viel Einfühlsamkeit, dass sie jahrzehntelang vom Kunstmarkt als wiedergefundene Originale gefeiert wurden. Dabei ging es ihm vor allem ums Geld. Doch nicht nur das Ehepaar Beltracchi verdiente gut an den Verkäufen. Noch einen viel größeren Gewinn hatten die Auktionshäuser und Verkäufer. Das erklärt wohl auch, warum niemand in der Kunstszene mehr herausfinden möchte, welche der 300 gefälschten Bilder noch immer im Umlauf sind. Dies könnte das gesamte Gerüst der Kunstszene zum Einstürzen bringen. Wenn man in der nächsten Ausstellung nun vor einem Max Pechstein steht, ist es nicht gesagt, ob es sich vielleicht doch um einen Beltracchi handelt. Die Wahrscheinlichkeit, ihm in seinem Leben Mal noch mal zu begegnen, ist auf jeden Fall sehr hoch.


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