Der weibliche Blick Kuratorin Anika Meier im Interview

Bis April 2018 stellte das Museum für bildende Künste in Leipzig in der Ausstellung „Virtual Normality. Netzkünstlerinnen 2.0“ die Werke weiblicher Künstlerinnen aus. Die so genannten Netzkünstlerinnen thematisieren Schönheitsideale und Identität in Zeiten sozialer Medien und führen vor Augen, wie diese die Selbstwahrnehmung junger Frauen beeinflussen. Die 13 Künstlerinnen hinterfragen mit ihrem Schaffen Rollenklischees und entfachen den Diskurs über Schönheitsideale neu. Zwei Monate nach der Ausstellung erscheint nun der Katalog Virtual Normality – Der weibliche Blick im Zeitalter des Internets, in dem neben Interviews mit den Künstlerinnen auch Texte junger Autoren wie von Ronja von Rönne, Kathrin Weßling und beispielsweise Karim Crippa zu finden sind. Die Kuratorin Anika Meier erzählt im Interview, welche Unterschiede es zwischen Männern und Frauen in den sozialen Medien gibt und was die Arbeit der Netzkünstlerinnen so besonders macht.

writingaboutfashion: Meist erscheint ein Ausstellungskatalog parallel zur Ausstellung. Warum ist das Buch zwei Monate später erschienen? Anika Meier: Die Ausstellung basiert auf meiner Kolumne über Kunst und soziale Medien, die ich für das Monopol-Magazinschreibe. Letztes Jahr kam Alfred Weidinger, der erst seit August Direktor im MdbK Leipzig ist, auf mich zu und fragte mich, ob ich zu dem Thema Kunst auf Instagram eine Ausstellung kuratieren möchte. Die Ausstellung ist dann in nur wenigen Wochen entstanden. Es wäre zeitlich also nicht möglich gewesen, zum Opening ein Buch in den Händen zu halten. Ein Verlag und Autoren müssen gefunden werden, die Texte geschrieben und gelayoutet werden und der Vertrieb organisiert.

Wie unterscheidet sich das Buch von der Ausstellung? Das Schöne ist, wenn man eine Ausstellung eröffnet und mit den Journalisten spricht, weiß man, welche Fragen noch im Raum schweben und beantwortet werden wollen. Es wurde zum Beispiel gefragt, warum keine Männer in der Ausstellung zu sehen sind. Diese Frage beantwortet die Ausstellung indirekt, indem wir deutlich machen, dass durch die sozialen Medien die Diskussion um Schönheitsideale wieder in den Vordergrund tritt. Das ist ein Thema, das besonders junge Künstlerinnen auf Instagram betrifft und sich als Thema in ihrer künstlerischen Arbeit spiegelt. Im Buch unterhalten sich der Künstler Andy Kassier und die Künstlerin Leah Schrager über männliche und weibliche Rollenklischees auf Instagram.

Was ist denn der Unterschied zwischen Frauen und Männern in den sozialen Medien? Bei Frauen geht es um Schönheitsideale und bei Männern darum, dass sie handeln, stark sind und Macht demonstrieren. Bilder von Künstlerinnen, auf denen Nippel zu sehen sind, werden von Instagram gelöscht, weil dies anstößig sei. Wenn ein Mann jedoch ein Objekt als Phallussymbol vor seinen Penis hält, werden diese Bilder nicht gelöscht.

Gibt es noch etwas in dem Buch, was die Ausstellung nicht thematisiert hat? Im MbdK in Leipzig (Anm. der Redaktion: Museum der bildenden Künste) war es von der Ausstellungsfläche nicht möglich, ein Kapitel zu zeigen, das sich mit der Geschichte der feministischen Kunst beschäftigt. Deswegen passiert die historische Aufarbeitung in einem Gespräch mit Gabriele Schor, die den Begriff der feministischen Avantgarde geprägt hat.

 

 

Welche Zielgruppe spricht das Buch an? Vor allem die Ausstellungsbesucher, die relativ jung sind, da sie mit dem Medium Instagram vertraut sind und von den Themen betroffen sind, die Künstlerinnen wie Arvida Byström und Molly Soda verhandeln.

Im Buch steht auch, das die Künstlerinnen außerhalb des deutschsprachigen Raums sehr berühmt sind und teilweise im MoMa in Los Angeles und New York ausgestellt haben. Woher kommt es, dass man in Deutschland diese Kunst noch nicht akzeptiert hat? Wenn es um technische Erneuerungen geht, hängt Deutschland generell hinter. Instagram ist in Amerika und England schon viel länger groß. In Deutschland hat man immer noch vor jeder technischen Erneuerung Angst und befürchtet, etwas zu verlieren. Da die Künstlerinnen auf Instagram, Tumblr und Twitter bekannt sind, ist das wahrscheinlich der Grund dafür, dass ihnen hier noch keine große Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Gibt es einen Unterschied zwischen der Kunst der Netzkünstlerinnen und der Kunst von „normalen“ Künstlerinnen? Nein, denn künstlerisch arbeiten die Künstlerinnen mit Strategien, die schon sehr lange in der Kunst existieren. Sie schaffen ein Alter Ego, hinterfragen Stereotype und arbeiten mit Ironie, Humor und Groteske. Neu sind nur das Medium und die Art und Weise wie die Kunst gezeigt wird.

Auf Instagram werden Bilder gelöscht. Zeigt ihr diese in der Ausstellung? Nein, aber im Buch sind einige der Bilder abgedruckt, die wir in der Ausstellung nicht zeigen konnten. Teil der Ausstellung war das Buch „Pics or It Didn’t Happen“ von Arvida Byström und Molly Soda, das Fotos zeigt, die von Instagram gelöscht wurden.

Die Künstlerinnen wollen mit ihren Bildern und Werken Stereotype aufbrechen, aber zeigen gleichzeitig ihre Bilder überwiegend weiblich assoziierten Farben wie Pink oder Lila. Ist das ein Widerspruch? Die Künstlerin Arvida Byström sagt zum Beispiel, dass sie diese Farben niedlich und süß findet und sie deshalb verwendet. Die Künstlerin Nakeya Brown hat die weibliche Farbpalette gewählt, weil sie möchte, dass der Körper und das Haar schwarzer Frauen mit Weiblichkeit assoziiert werden und nicht mit der Härte und Robustheit, mit der sie sonst oft verglichen werden. Die Farbgebung hat bei ihr einen inhaltlichen Bezug.

Nach welchen Kriterien hast du die Künstlerinnen ausgewählt? Wir haben geschaut, dass wir Themen abdecken, die relevant sind und Künstlerinnen zeigen, die seit vielen Jahren aktiv sind und vielleicht auch in 20 bis 30 Jahren noch im Gespräch sein werden. Und natürlich war es auch wichtig, dass die Künstlerinnen in der Gruppenausstellung zusammen funktionieren.

Wie ist das Buch aufgebaut? Der erste Teil besteht aus Essays und Interviews, die über die Ausstellung hinausgehen. In der Mitte des Buches ist eine Zusammenfassung der Texte aus der Ausstellung. Der zweite Teil ist der eigentliche Katalogteil mit den Bildern aus der Ausstellung und einigen zusätzlichen Bildern.

Wünschst du dir, dass die Leser aus dem Buch etwas Bestimmtes mitnehmen? In den Feuilletons konnte man in den vergangenen Jahren sehr oft lesen, dass die Arbeit der Netzkünstlerinnen keine Kunst, sondern Selbstinszenierung sei. Die Besprechungen der Ausstellungen haben gezeigt, dass hier langsam ein Umdenken stattfindet. Wenn es so weitergeht, haben wir viel erreicht.