Die Außenseiterin Ein Porträt über die britische Schauspielerin Helena Bonham Carter

Ihr schwarzes Haar, das kaum zu bändigen ist, türmt sich auf über Helena Bonham Carters Kopf. Ihre braunen Augen sind so dunkel wie manch eine ihrer Rollen, die sie spielt. Die Schauspielerin ist für ihre Leistungen, die ins Extreme gehen, bekannt. In der weltberühmten Harry-Potter-Filmreihe spielte sie beispielsweise die wahnsinnige Hexe Bellatrix Lestrange. Im Fantasyfilm Alice im Wunderland verkörpert Bonham Carter die bösartige „rote Königin“. Die Darstellerin schlüpft in viele verschiedene Rollen. Zu Anfang ihrer Karriere war das allerdings noch anders. So spielte sie 1986 in A Pattern of Roses die adlige Lucy Honeychurch. Da man sie anfangs oft in aristokratischen Rollen sah, wurde ihr sogar nachgesagt, sie sei die „Königin des Korsetts“. Aber spätestens mit dem Film Fight Club im Jahr 1999 überzeugte die Schauspielerin als verruchte Marla Singer. Seitdem wird sie für ihre Wandelbarkeit gefeiert und ist heute international bekannt.

Nun läuft seit dem 21. Juni Ocean’s 8, ein Spin-Off der „Ocean’s“-Filmreihe, auch auf deutschen Kinoleinwänden. Bonham Carter spielt in dieser Heist-Filmkomödie eine schrille Modedesignerin, die Teil einer achtköpfigen Frauengruppe ist. Weitere Mitglieder ihrer „Gang“ sind Sandra Bullock, Cate Blanchett und Rihanna, die einen Raubüberfall planen: auf der starbesetzten Met Gala in New York. Ein Casino oder eine Bank zu überfallen, wäre viel zu gewöhnlich.

Neben dem Film Ocean’s 8 hat die Schauspielerin aktuell noch einen weiteren Film gedreht, der allerdings thematisch in eine völlig andere Richtung geht. Eleanor & Colette heißt das Psychiatrie-Drama, das auf einer wahren Geschichte beruht und seit dem 3. Mai in Deutschland in den Kinos zu sehen ist. Sie spielt darin die psychisch Kranke Eleanor Riese, die mit Hilfe ihrer Anwältin Colette Hughes für Patientenrechte und gegen die Pharmalobby kämpft. Sie selber sagte dem Süddeutsche Zeitung Magazin, dass diese Rolle ihre bisher schwierigste war. „Seit fünfzehn Jahren will ich diesen Film machen“, verrät sie. Die Schauspielerin habe sich noch nie so gut für eine Rolle vorbereitet. Sie recherchierte extrem viel und wollte verstehen, wie sich eine Panikattacke wirklich anfühlt. Und diese Leidenschaft, dieses Herzblut, das diese Frau in ihre schauspielerische Leistung steckt, ist außergewöhnlich und wirklich etwas besonderes.

Ein Grund dafür, dass sie heute eine so einzigartige und vor allem bodenständige Schauspielerin ist, ist ihre Lebenserfahrung, die sie als junges Mädchen prägte. Sie ist erst mit 30 Jahren von zu Hause ausgezogen. Mit fünf Jahren musste Helena Bonham Carter mit ansehen, wie ihre Mutter einen Nervenzusammenbruch erlitt. Es sollte drei Jahre dauern, bis sie sich davon erholt hatte. „Ich erinnere mich an die Trostlosigkeit. An das Gefühl, verlassen zu sein,“ teilte sie dem Süddeutschen Zeitung Magazin im Januar mit. Wenige Jahre nach dem Krankheitsfall ihrer Mutter wurde ihr Vater am Gehirn operiert. Mit schwerwiegenden Folgen: Es gab Komplikationen während der Operation und ihr Vater erlitt einen Schlaganfall. Seitdem war er größtenteils gelähmt und musste fortan im Rollstuhl sitzen. Ab diesem Zeitpunkt half die Schauspielerin ihrer Mutter dabei, ihren Vater zu pflegen, bis er starb.

Was sie außerdem ungewöhnlich macht: Sie ist nicht versessen auf das Rampenlicht. Man findet über die Schauspielerin keine krasse Schlagzeile, keinen großen Skandal – nichts. An mangelndem Interesse fehlt es trotzdem auf keinen Fall. Schließlich war sie von 2001 bis 2014 mit dem weltbekannten Regisseur Tim Burton liiert, mit dem sie zwei Kinder hat. Bonham Carter und Burton lernten sich bei Dreharbeiten zu Planet der Affen kennen. Seitdem übernahm die exzentrische Schauspielerin immer wieder Rollen in den Filmen des Regisseurs. Noch heute wohnen die beiden in freundschaftlicher Beziehung Tür an Tür in London. Was viele auch nicht wissen: Patenonkel der beiden gemeinsamen Kinder ist der Schauspieler Johnny Depp.

Helena Bonham Carter gibt zu, dass sie zu Beginn oft mit ihrem Selbstbewusstsein zu kämpfen hatte. „Am Anfang fand ich, dass meine Beine zu kurz und meine Brüste viel zu klein sind. Ich war mir selbst nicht genug. Das lag sicher auch an der Machokultur in diesem Geschäft, am ständigen Beglotztwerden und an der Fixierung auf Äußerlichkeiten.“ Die heute 52-Jährige ist davon überzeugt, dass jeder er selbst sein sollte. Sie steht für Selbstbewusstsein und für Stärke in der sonst oftmals aufgesetzten und falschen Hollywoodwelt.

Vielleicht kann man bei Helena Bonham Carter auch gar nicht mehr von Schauspielerei sprechen. Denn sie macht viel mehr: Sie spielt nicht einfach eine Rolle, sondern sie wird zu der Person, die sie verkörpert. Sie ist sich selbst immer treu geblieben. Und das macht sie zur Außenseiterin.