Franca Sozzani  Hommage an eine italienische Modeikone

Im Dokumentarfilm Franca  – Chaos & Creation, den ihr Sohn 2016 gedreht hat, blickt eine zierliche Frau mit feinen Gesichtszügen und weichen Lippen in einen kleinen Handspiegel. Mit ihren durchdringenden braunen Augen betrachtet sie sich konzentriert, ehe sie ihre zum Dutt zusammengebundenen Haare öffnet und ihre lange blonde Lockenpracht zum Vorschein kommt. Es ist das Gesicht von Franca Sozzani, von 1988 bis 2016 Chefredakteurin der italienischen Vogue. Sie verstand es, neue Richtungen in der Modewelt einzuschlagen, schwamm stets gegen den Strom und beherrschte das Zusammenspiel von Provokation und High-End-Fashion so gut wie keine andere. Eine Hommage an die Frau, die an veralteten Konventionen rüttelte und eine entscheidende Rolle dabei spielte, die Modewelt zu dem zu machen, was sie heute ist.

1950 in Mantua geboren, wuchs sie in Mailand auf, wo sie später Philosophie und Literatur studierte. Mit 20 Jahren heiratete sie, vor allem, um von zu Hause fortzugehen. Nach drei Monaten reichte sie die Scheidung ein. Sie wollte studieren und nicht die Ehefrau geben. Sie schickte ihren Vater, der ihrem Gatten schonend ganz unter Männern die Scheidung beibringen sollte.

Für Mode interessierte sie sich schon immer. Sie wollte etwas bewegen und Teil der wilden, aufregenden Welt sein: „Ich wollte kein Leben, das mit einem kleinen weißen Taufkleid beginnt und mit einem Grabstein mit einem Datum darauf endet“, erklärt sie ihrem Sohn im Dokumentarfilm. Deshalb ging sie 1968 nach Swinging London, um dort in der Mode zu arbeiten. Die italienische Mode war zu dieser Zeit sehr klassisch ­– in London hingegen war sie extravagant und individuell, ein „Wunderland“, wie Franca es beschreibt. Nach ihrer Rückkehr nach Italien fing sie an, bei Vogue Bambini, der Kinderausgabe der Vogue, zu arbeiten. Sie tat alles, um diesen Job zu bekommen. Dabei ging es ihr einzig und allein darum, sich selbst etwas zu beweisen. Dass sie Kinder zu dieser Zeit eigentlich nicht ausstehen konnte, nahm sie billigend in Kauf.

Mit dem Job bei Vogue Bambini wurden ihr bei Condé Nast die Türen geöffnet. Sie schaffte es mit viel Fleiß, großer modischer Affinität und ihrem fotografischen Auge auf den Posten der Chefredakteurin der italienischen Vogue. Ihre erste Ausgabe erschien im Juli 1988 unter dem Titel „Il nuovo Stil“, also: der neue Stil. „Mit dem Cover und dem Abschied vom Übermaß zugunsten eines puren, cleanen Looks läutete sie die neue Vision der Mode ein“, erklärt Modehistorikerin Valerie Steele. Vor Franca war die Vogue mit kommerziellen Inhalten auf den Markt abgestimmt. Den Lesern sollte Perfektion und Schönheit vermittelt werden. Individualität und Affinität zur Kunst blieb dabei auf der Strecke. Als Franca Sozzani zur Chefredakteurin wurde, änderte sich das. Lachende Gesichter verwandelten sich in nachdenkliche, die kommerziellen Fotostrecken wichen künstlerischen Meisterwerken und neue High-End-Fashion wurde mit Provokation und hoher stilvoller Affinität präsentiert. Ob 2008 mit der Sonderausgabe „The Black Issue“, die ausschließlich schwarze Models zeigte, oder mit der 2011 veröffentlichten „Plus-Size Issue“ mit kurvigen Models – Franca Sozzani schwamm stets gegen den Strom, machte nur das, was ihr gefiel und griff in den Sonderausgaben ernste Themen wie Krieg, Tod und Politik auf. Ihre Modestrecken waren kontrovers und schockierten nicht selten. Kritiker meinten, sie ginge zu weit, und Sozzani fürchtete während ihres ersten Jahres bei der Vogue mit jeder Ausgabe ihre Entlassung.  Aber das Gegenteil war der Fall: Die Leute gewöhnten sich an sie und bewunderten Sozzani für ihren Mut und ihre Differenziertheit.

Die Makeover Madness-Ausgabe von 2005 umfasste die Tücken der Schönheitschirurgie. Sie glich einer Gesellschaftssatire und wurde zunächst stark kritisiert. Heute gehört sie zu den Klassikern der italienischen Vogue. Die Modestrecke zeigt Models, die sich auf dem OP-Tisch aufschneiden ließen, mit verbundenen Köpfen in Chanel-Kostümchen im Rollstuhl sitzend, sich stets im Handspiegel betrachtend und weisen damit auf eine Zukunft hin, die vom Drang zur Perfektion und der ständigen Unzufriedenheit mit dem eigenen Ich geprägt ist.

Die Presse überschlug sich förmlich, als die Vogue Italia 2014 eine Ausgabe veröffentlichte, die das Thema häuslicher Gewalt aufgriff. Mit schreienden Models, zusammengekauert mit nassen Haaren und weißen Nachthemden in einer Ecke, oder mit einem Model, das mit blutverschmiertem Gesicht von einem über sich stehenden Mann betrachtet wird. Diese Fotostrecke, fotografiert von Steven Meisel, einem der führenden Modefotografen, schockierte auf der ganzen Welt. „Die italienische Vogue verherrlicht häusliche Gewalt mit furchtbarem Glamour-Shooting“, „Geschmacklosigkeit Hoch 1000“, „Was für ein fürchterlicher Scheiß“ hieß es daraufhin in der Presse. Die Leute waren empört.

Eine weitere kontrovers diskutierte Vogue war die im September 2007 veröffentlichte Kriegsausgabe, in der die aktuellen politischen Geschehnisse aufgegriffen wurden und Models in Kriegsbekleidung, von Schlamm verschmiert in emotionalen Ausnahmezuständen zeigt. Unter dem Titel „The Latest Wave“ griff Franca Sozzani im August 2010 die Ölpest im Golf von Mexiko auf, die als eine der schwersten Umweltkatastrophen die gesamten Küsten der USA verschmutzte und Millionen von Tieren sterben ließ. Das Cover zeigt ein Model auf einem verölten Stein, eingewickelt in ein Fischernetz und mit Rauch im Hintergrund. Entgegen aller Kritik begründete Franca ihr Vorgehen so: „Es war meine Art, eine gewisse Realität zu bezeugen. Warum schweigen? Warum darf ein Modemagazin keine aktuellen Themen aufgreifen?“ Sie blieb immer standhaft, ließ sich nicht von ihren Ideen abbringen und von internationaler Kritik nicht einschüchtern. Franca war der Auffassung, ein Magazin müsse nicht nur Kleidung zeigen, sondern auch Missstände aufzeigen. Damit machte sie die italienische Vogue zu einem der einflussreichsten Modemagazine der letzten 25 Jahre: „Vogue Italia führt in Sachen Stil an. Alle Vogues sind stark, aber die Bilder der Vogue Italia sind Vorreiter, und darum geht es in der Mode“, so die Modejournalistin Suzy Menkes.

Das unerschütterliche Selbstvertrauen und der starke Wille verhalfen der zierlichen Italienerin dazu, sich in der Modewelt international einen Namen zu machen. Sie setzte sich für Menschenrechte, Politik und die Gesellschaft ein und gewann für ihren Mut und ihr Engagement viele Preise, wie den von Präsident Sarkozy überreichten französischen Verdienstorden im Jahr 2012. Sie nahm die Dinge, wie sie kamen und hielt sich nie zu lange an einem Punkt auf. Eine gescheiterte Ehe, ein unehelicher Sohn – all das prägte Franca, was sie jedoch nicht herunterzog. „Das Leben beginnt jeden Tag neu. Ob das jetzt eine Ehe oder eine Fotostrecke ist, man blättert doch immer auf die nächste Seite“, war ihre Meinung. Mit ihrer Leichtigkeit und der Einstellung, immer nach vorn zu schauen, zog sie viele in ihren Bann. Über die Jahre zählten Gianni Versace, Peter Lindbergh und Valentino zu ihren engsten Freunden. Peter Lindbergh hatte das Glück, sie oft fotografieren zu dürfen. Für Franca war es eine innige Freundschaft. Peter Lindbergh hingegen gab zu, immer ein bisschen verliebt in sie gewesen zu sein. „Sie ist ein Engel und gleichzeitig eine Kriegerin“, schwärmt er.

Wenn Franca sich im Spiegel betrachtete, sah sie stets zuerst die Augen. Sie war stolz auf das, was sie erreicht hatte. Ihr bester Freund und schärfster Kritiker war stets sie selbst. Wenn sie noch einen Wunsch freigehabt hätte, dann jenen, den Papst zu treffen. Mit ihr geht eine Ära voller modischer Leidenschaft, Diversität und kontroversem Ideenreichtum zu Ende. Sie war eine Kämpferin für das Gerechte bis zuletzt. Ihren härtesten und letzten Kampf gegen den Krebs jedoch konnte sie nicht gewinnen. Am 22. Dezember 2016 starb Franca Sozzani.