Für immer jung Ein Interview mit Dr. Marlis Cäsar über Sport, Botox und Selbstbestimmung

Mit ihren 71 Jahren ist Dr. Marlis Cäsar wahrscheinlich fitter als so manche 30-Jährige, und so sieht sie auch aus. Bereits in jungen Jahren bereiste die studierte Allgemeinärztin den gesamten Globus, lief internationale Marathons und führt bis heute ein Leben, auf das jeder neidisch sein kann. Im Interview verrät sie ihr Geheimnis, um für immer jung zu bleiben.

 

Writingaboutfashion: Woher nimmst du deine ganze Energie?
Marlis Cäsar: Das hat etwas mit meiner Lebensgeschichte zutun. Meine Mutter hat sich meinem Bruder immer mehr zugewandt als mir. Als mein Vater dann tödlich verunglückte, als ich drei Jahre alt war, war zu dem Zeitpunkt sozusagen der einzige Mensch, der mich wirklich wollte, tot. Für ein 3-jähriges Kind ist so etwas prägend. Eine Therapeutin hat mir dann irgendwann erklärt, dass ich entweder in einer schweren Depression gelandet wäre oder ich so viel Energie aus dieser Situation entwickelt hätte, um meinen eigenen Weg zu gehen. Letzteres muss ich dann gemacht haben, denn noch heute werde ich von allen immer „der Solitär“ genannt. Ich habe mich schon immer alleine am besten zurechtgefunden.

Wie hat sich dieser Drang zur Selbstständigkeit geäußert?
Ich bin ja schon mit 16 von zu Hause ausgezogen. Dann lernte ich bei meiner Ingenieurausbildung in Frankfurt meinen ersten Ehemann, den ich schon mit 20 geheiratet habe, kennen. Er war ein reicher, gesettleter Mann und machte mir immer Geschenke. Irgendwann schenkte er mir ein Cabriolet, das wollte ich gar nicht. Ich dachte mir: Was soll ich ’n damit? Spinnt der? Es wäre doch viel schöner gewesen, wenn wir mal zusammen in den Urlaub gefahren wären. Mit 23 habe ich dann meine Koffer gepackt und bin mit einem Franzosen, so einem Künstlertyp, durchgebrannt. Dann wurde ich Hippie und habe Perlenketten auf Ibiza gefädelt, um mir ein bisschen Geld zu verdienen. Man hatte ja damals nichts. Ich bin viel gereist: durch Europa, Südamerika, und die Staaten… Immer wieder lernte ich auf meinen Reisen Leute kennen, die mit mir irgendwohin weitergezogen sind. In dieser Zeit habe ich viel gesehen und erlebt, nicht unbedingt nur Positives. Ich denke, dadurch entwickelt man ein Selbstbewusstsein. Man muss etwas erleben.

Gibt dir Sport Selbstbewusstsein?
Ja. Das macht Selbstbewusstsein erst aus – dass du dir ein Ziel setzt, das du dann erreichst. Ich habe alles, was ich mir jemals vorgenommen habe, auch zu Ende gebracht – körperlich und auch geistig. Das ist ein tolles Gefühl. In manchen Situationen, wenn ich zum Beispiel einen 6000er bestiegen habe, war ich so glücklich. Ich habe geheult, so ein irres Gefühl ist das. Und so lernst du dich natürlich kennen. Vor allem beim Laufen lernst du jeden Zentimeter deines Körpers kennen.

Deine Haut ist so glatt. Botoxt du?
Das fing so an, als ich im Auto im Rückspiegel meine Zornesfalte zwischen den Augenbrauen sah. Das wollte ich auf jeden Fall ändern. Ich besuchte dann im Rahmen meiner Arbeit als Allgemeinmedizinerin viele Botox-Seminare. Und davon habe ich natürlich profitiert. Ich fing dann selbst an, Botox zu spritzen. Denn ich finde, dass das alles zusammenpasst. Ich mache unheimlich viel Sport, ich hatte immer eine top Figur und mit ein bisschen Spritzerei hat man mir natürlich geglaubt, dass ich zehn Jahre jünger bin. Zu einem jungen Körper passt nun mal auch ein junges Gesicht. Ich sitz mir ja nicht zu Hause den Hintern breit und lass mir das Gesicht aufspritzen.

Wärst du gerne noch einmal jung?
Nein. Weißt du, was ich denke? Gut, dass ich so viel gemacht habe. Viele bemerken erst mit 50, dass sie nichts gemacht haben. Sie haben nach dem Abitur studiert, sind ins Berufsleben gestartet, haben ihre drei bis vier Wochen Urlaub gemacht und sich dann irgendwo niedergelassen. Das war’s. Also das ist ja trostlos.

Gab es einen Moment, in dem dir klar wurde, dass du nicht so ein Leben führen willst?
Ja, da lebte ich mit meinem ersten Ehemann in der Landgraf-Philip-Straße 9 in einem mehrstöckigen Wohnhaus. Irgendwann hab’ ich am Fenster auf die Straße geguckt und mir überlegt: Wenn ich jetzt sterbe und mich fragt der liebe Gott, was ich aus meinem Leben gemacht habe, dann müsst ich sagen: Landgraf-Philip-Straße 9. Und ich dachte mir, das kann’s ja nicht sein, hab’ meine Koffer gepackt und bin gegangen.

Du triffst also gerne auch mal spontane Entscheidungen?
Naja, ich liebe eben Herausforderungen. Die will ich bewältigen. Und wenn ich es dann geschafft habe, bin ich sehr glücklich. Vielen Menschen macht das ja eher Angst und trauen sich erst gar nicht. Alles in allem, finde ich mein Leben ganz toll. Und all das, was ich gemacht und erlebt habe. Ich kann nur jedem raten, das auch so zu machen.