„Ich finde, Balenciaga und Vetements, machen nicht wirklich Anti-Mode.“ Interview mit Hien Le

Der Berliner Designer ist mehrfach ausgezeichnet als bester Newcomer-Designer Deutschlands. Mit uns hat er über Trends und Mode in Deutschland gesprochen.

writingaboutfashion: Wie würden Sie die Mode in Deutschland beschreiben?
Hien Le: Das kann man nicht pauschalisieren. Es gibt nicht nur einen Stil. Hier gibt es so viele Kulturen und gerade Berlin ist sehr international. Wenn man mit offenen Augen durch die Stadt läuft, erkennt man, dass es hier sehr vielfältig ist. Klar, gibt es ein paar Sachen die typisch deutsch sind, wie zum Beispiel die Adiletten oder Socken in den Sandalen. Aber genau das wurde jetzt auch zum Trend.

writingaboutfashion: Ist Deutschland modisch auf dem gleichen Level wie Frankreich oder Italien?
Hien Le: In Frankreich und Italien sind die Menschen viel modebewusster. Sie haben ein anderes Verständnis für Mode. In Deutschland sind zwar die jüngeren Leute modeaffin und interessieren sich auch dafür, aber in Frankreich und Italien befassen sich die Menschen viel mehr damit. Ihnen macht es Spaß, sich gut zu kleiden und sie legen viel Wert auf eine gute Qualität.

writingaboutfashion: Warum denken Sie, ist Mode in Deutschland nicht so wichtig?
Hien Le: In Deutschland existiert mehr eine Bekleidungsindustrie statt Haute Couture. Wenn man draußen Leute nach deutschen Designern fragen würde, fallen ihnen nur Guido Maria Kretschmer und Michalsky ein, weil sie einfach nur sehr medienpräsent sind. Viele befassen sich einfach nicht mit anderen deutschen Designern. In Italien oder Frankreich ist Mode viel etablierter. Viele große Traditionshäuser kommen da her und die Fashion Week gibt es dort auch schon seit ewiger Zeit. Deswegen haben diese Menschen wahrscheinlich auch einen ganz anderen Bezug dazu.

writingaboutfashion: Wer sind Ihrer Meinung nach gerade die bedeutsamsten deutschen Designer?
Hien Le: Ich finde den in Paris ansässigen Lutz Huelle ganz gut. Sein Stil geht aber weit über deutsches Design hinaus. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum er international so anerkannt wird. Wenn sein Name nicht im Etikett stehen würde, würde man auch nicht vermuten, dass es ein deutscher Designer ist. Hier in Berlin finde ich Odeeh großartig. Das sind die deutschen Dries van Noten. Wir haben eine Menge gute Jungdesigner. Besonders in Berlin. Und es kommen jedes Jahr neue dazu. Das neue Label Belize finde ich zum Beispiel ganz gut.

writingaboutfashion: Warum sind deutsche Jungdesigner nicht so bekannt wie die in Frankreich?
Hien Le: Ich denke, das hat wieder damit zu tun, dass die Mode hier ganz anders funktioniert. In Frankreich gilt Mode als Kulturgut. Dort wird Mode auch richtig gefördert, hier fängt es gerade erst an. Den Fashion Council haben wir jetzt seit zwei Jahren und bis der sich etabliert hat und auch wirklich was passiert, braucht es mindestens noch zehn Jahre. Ich bin froh, dass zumindest hier jetzt auch ein Verband gegründet wurde, denn solche gibt es in anderen Ländern schon viel länger. Dort gibt es auch noch ganz andere Fördermöglichkeiten. Vermutlich ist es dort für Jungdesignern viel leichter, sich international zu etablieren.

writingaboutfashion: Was sagen Sie zum derzeitigen Asia-Trend?
Hien Le: Das Asien gerade Trend ist, ist an mir vorbeigegangen. Ich beschäftige mich nicht mit Trend Forecast. Alles was ich mache, entsteht aus einem Gefühl heraus. Meistens geht man sowieso mit dem Zeitgeist, dann entsprechen die Sachen sowieso dem Trend.

writingaboutfashion: Und was halten Sie von der angesagten Anti-Fashion von Vetements und Balenciaga?
Hien Le: Ich finde, Balenciaga und Vetements, die einen großen Trend ausgelöst haben, machen nicht wirklich Anti-Mode. Ich verstehe die Assoziation, aber ich verbinde es nicht damit. Meiner Meinung nach ist Normcore viel mehr Anti-Fashion.

writingaboutfashion: Wovon war Ihre letzte Kollektion inspiriert?
Hien Le: Dafür habe ich mich sehr von meinen vorherigen Kollektionen inspirieren lassen und daraus neue Ideen entwickelt. Ich habe mich damit befasst, was die Bestseller und was meine Lieblingsstücke, die aber nie bestellt wurden, waren. Es gibt aber auch neue Teile.
Wir haben auch einen neuen Print entwickelt, der inspiriert ist von Helen Frankenthal, eine jüdische Künstlerin, die in New York gelebt hat.

writingaboutfashion: Haben Sie Lieblingsstücke?
Hien Le: Ja natürlich. Es gibt immer welche. In der Kollektion mag ich besonders die Stücke mit dem Print, weil sie auch sehr prägnant sind. Aber mein absolutes Lieblingsteil ist der Kaschmir-Pullover in Rot-rosé.

writingaboutfashion: Worauf legen Sie bei Ihren Kollektionen besonderen Wert?
Hien Le: Mir ist es sehr wichtig, meine Handschrift zu festigen und weiterzuentwickeln. Man lernt, dass man nicht stehen bleiben kann und darf. Alles entwickelt sich weiter. Ich finde es schön, wenn eine Kollektion eine Vielfältigkeit hat. Wichtig ist aber auch, dass ein Gesamtbild entsteht. Vielfalt ist gut. Die muss aber gut eingesetzt sein. Es muss immer einen roten Faden in der Kollektion geben.

writingaboutfashion: Was denken Sie, in welche Richtung sich die Mode in den nächsten fünf Jahren entwickeln wird?
Hien Le: Ich finde es schwierig zu sagen, weil ich nicht vorhersehen kann. Bei mir geschieht alles im Hier und Jetzt. Dass die Anti-Mode so ein Trend werden würde, hat vermutlich auch niemand gedacht. Das kam ja auch aus dem Nichts und plötzlich war er da.
 

Fotos von Marius Knieling