Modeikone: Inés de la Fressange „Ich mache nur das, was mir gefällt!“

Sie ist Markenbotschafterin des französischen Modehauses Roger Vivier, Bestsellerautorin und hat eine eigene Boutique – Inès de la Fressange ist ein Multitalent. Seitdem die ehemalige Muse Karl Lagerfelds in den 1980ern zum bestbezahltesten Model der Welt wurde, ist sie nicht mehr von der Bildfläche der Modewelt wegzudenken.

Supermodel, Muse, Autorin, Designerin und Parisienne durch und durch – Inès de la Fressange versteht den französischen Stil wie keine andere. Schon früh galt sie als Inbegriff des Pariser Chics. Von all diesen Titeln, versteht de la Fressange den der Muse am wenigsten: „Ich bin amüsant, aber keine Muse!“ Designer wie Mugler und Lagerfeld sahen das anscheinend anders und nahmen die Französin in den 80er-Jahren unter Vertrag.

Die Eleganz wurde dem ehemaligen Supermodel bereits in die Wiege gelegt. Inès Marie Laetitia Eglantine Isabelle de Seignard de la Fressange, wie sie mit vollem Namen heißt,ist die Tochter vermögender Eltern. Der Vater ein adeliger Aktienhändler, die Mutter ein argentinisches Model und die Großmutter Vermögenserbin der Lazard-Bank. Sie wuchs in Südfrankreich mit drei Brüdern in einer alten Mühle auf. Mit 17 Jahren zog sie nach Paris und begann ihre Modelkarriere bei Kenzo. 1983 erklärte Karl Lagerfeld sie zu seiner Muse. Es folgte ein siebenjähriger Exklusivertrag mit Chanel – der erste Vertrag mit einem Model in der Geschichte des Haute-Couture-Hauses. Und de la Fressange war es, die dem Traditionshaus ein neues Gesicht und Image verlieh. Sie wies den Weg in eine sportlichere Richtung und kombinierte Chanel-Jacken mit Levi’s-Jeans. Als Chanel-Muse wurde sie zu einer Symbolfigur des aufkommenden Model-Zeitalters.

Durch ihren französischen Stil, dem dieses unaufgeregte, gewisse Etwas anhaftet,und ihrem humorvollen, charmanten Charakter wurde sie vielen zum Vorbild. 1989 wurde sie als französische Stilikone zum Gesicht der Marianne-Statue, einem Symbol der Französischen Republik, und somit gewissermaßen zur Nationalheldin ausgewählt. Diese Ehre hatten vor de la Fressange bereits Brigitte Bardot und Catherine Deneuve. Doch die Ex-Muse von Karl Lagerfeld sieht nicht nur gut aus. 2011, 30 Jahre nach ihrer Modelkarriere, veröffentlicht de la Fressange das Buch Parisian Chic: A Style Guide, in dem sie den Pariser Stil mit Hilfe von Illustrationen der breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Der Stilratgeber entwickelte sich zum Kultbuch, gilt vielen als Modebibel und wurde in 17 Sprachen übersetzt. Fünf Jahre später folgt ihr zweiter Ratgeber Was ziehe ich heute an?

Neben der Arbeit als Bestsellerautorin ist die heute 60-Jährige außerdem als Markenbotschafterin und Beraterin des französischen Schuhlabels Roger Viviers tätig.„Ich habe schnell begriffen, dass die kreativen Jobs viel interessanter sind als das Modeln“, sagt sie gegenüber dem Interview-Magazin. De la Fressange kooperierte bereits mit Marken wie Petit Bateau, Soeurs, Bensimons und Tensira. Die erfolgreichste und längste Kooperation ist jedoch die mit Uniqlo. Auch für die japanische Modekette ist die Zusammenarbeit mit der Stilikone die am längsten bestehende Kooperation und geht mittlerweile in die achte Saison. „Ich habe Inès zu Hause besucht, weil ich sehen wollte, wie sie lebt, wer ihre Freunde sind, wie sie ausgeht, was in ihrem Kleiderschrank hängt“, sagt Naoki Takizawa, Design-Direktor von Uniqlo.

Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Französin nach jahrelanger Arbeit als Beraterin zusätzlich ihr eigenes Label gründete. Seit 2015 betreibt de la Fressange ihr gleichnamiges Modelabel in einer Boutique im Herzen von St. Germain in Paris. Auf 200 Quadratmetern verkauft sie ihren persönlichen Pariser Stil. Ihr Erfolgsrezept? „Ich verkaufe nur das, was mir gefällt. Und das merken die Kunden.“ Das Aufwachsen mit ihren drei Brüdern und ihre Schulzeit auf einem Jungeninternat, haben ihren Stil geprägt. „Die lässige Attitüde der Jungs und die Art, wie sie Klamotten tragen, hat mich beeinflusst.“ Durch ihr Leben als Model ist Inès de la Fressange in ihre Arbeit als Designerin hineingewachsen. „Früher war ich sehr schüchtern, und das bringt nur Probleme mit sich. Als Model lernte ich, weniger zurückhaltend zu sein“, sagt sie.

„Inés“, wie sie in Frankreich nur genannt wird, lebt gemeinsam mit ihren zwei Töchtern in Paris. Und es scheint so, als treten die beiden bereits in die Fußstapfen ihrer berühmten Mutter. Die älteste Tochter Nine modelte für das erste Parfum von Bottega Veneta. Die jüngere Tochter Violetta lief für Chanel und war ebenfalls eine Muse Lagerfelds. Der Verlust des Vaters und Ehemanns hat die drei Frauen noch enger zusammengeschweißt. Der italienische Bahn-Manager Luigi d’Urso, den de la Fressange 1990 heiratete, starb 2006 im Alter von 55 Jahren an einem Herzleiden. Weil sie nun die alleinige Verantwortung für die beiden Töchter hat, möchte sie ihnen mehr Zeit widmen: „Man muss jeden Tag da sein. Die beiden haben dauernd etwas zu erzählen, und ich will dranbleiben und eng mit ihnen sein“, sagte sie gegenüber der FAZ. Den Schicksalsschlag, der sie plötzlich zur alleinerziehende Mutter gemacht hat, beschreibt sie in der gleichen eleganten Demut, für den sie sich einen Namen gemacht hat: „Es gibt einen Moment, in dem du entscheidest, ob es schwer ist oder nicht. Wenn du nach Hause kommst und du entscheidest, dass alles dramatisch ist, dann ist es dramatisch. Aber du kannst dich auch dafür entscheiden, dass es besser ist, zu lachen als zu weinen.“  De la Fressange sieht der Realität ins Auge und beweist, dass sich das Mysterium des Alterns in der Modewelt langsam zu ändern scheint. Frauen wie sie zeigen, dass Sexappeal, Glamour und Eleganz auch im fortgeschrittenen Alter in der Mode willkommen sind. Man könnte meinen, de la Fressange habe in ihrem Leben alles Erstrebenswerte erlebt und könne sich guten Gewissens in ihrem Ferienhaus im Süden Frankreichs zur Ruhe setzen. Aber sie wäre nicht die Stilikone, die sie heute ist, wenn sie nicht schon an ihrem nächsten Projekt arbeiten würde. Ein großer Traum der Französin ist es, ein eigenes Parfum zu kreieren. Wir sind gespannt, mit was Sie uns noch überraschen werden, Madame de la Fressange!


Foto: Roger Vivier