Iris Apfel Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Iris Apfel ist eine der wohl bekanntesten Stilikonen der Welt. Mit 96 Jahren ist sie als greises Starlet vielen Teenagern immer einen Schritt voraus. Aber was steckt hinter der Frau mit XL-Brille ?

Man öffnet die Büchse der Pandora, wie Iris Apfel selbst über ihre Wohnung sagt. Mehrere Zimmer in ihrem Park-Avenue-Apartement sind ihren Kleidern vorbehalten. In ihrer meterhohen Wohnung sind zwei Schränke übereinander gestellt, das heißt zwei Etagen von zusammengepressten Kleidern. Nur noch ein Streifen eines Saint-Laurent-Rocks oder Ungaro-Bluse ist zusehen. Wie viele Kleidungsstücke Apfel besitzt, weiß sie nicht. „Ich shoppe seit 80 Jahren. Wie soll ich das wissen?“, verriet die 96-Jährige in einem Interview. Sie selbst trägt die unterschiedlichsten Kombinationen aus ihrer Kleidersammlung: Sneaker, die sie fürs Homeshopping selbst designt und verkauft. Dazu eine schwarze Jeans, die Tunika vom Volk der Mao, die Tracht einer chinesischen Minderheit, und was nicht fehlen darf: Schmuck und Accessoires. Sie liebt es, Sachen individuell miteinander zu kombinieren. Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten, doch bei dem ältesten Teenager der Welt, wie Apfel sich selbst nennt, gibt es keine Grenzen. Ob sie irgendwelchen Regeln folgt? Nein, denn sie würde sie sowieso brechen und das wäre Zeitverschwendung.

Iris Barrel wurde 1921 in Queens, New York, geboren. Sie studierte Kunstgeschichte an der New York University und Kunst an der University of Wisconsin. 1948 heiratete sie Carl Apfel und die beiden, die nie Kinder bekommen sollten, gründeten zwei Jahre später ihre Firma Old World Weavers für Wohntextilien mit eigener Weberei. Sie berieten neun Mal das Weiße Haus, darunter Präsidenten wie Harry Truman und Bill Clinton. Apfel erzählt über die Dinge aus ihrem Leben so, als wäre es ganz normal, was sie erreicht hat. Sie hatte nie einen Plan oder eine Struktur. Sie ergriff die Dinge, die ihr geboten wurden. Nur aufstehen, Zähneputzen und das Gesicht waschen seien die einzigen Sachen, die sie täglich wiederholt.

Schon früh wurde sie stark von ihrer Mutter, einer gebürtigen Russin, beeinflusst. Sie sei eine elegante und selbstbewusste Frau gewesen und eine glühende Verfechterin von Accessoires. „Was meine Mutter alles mit einem Schal zauberte, sah ich nie wieder bei jemand anderem“, erzählt sie in einem Interview. Als Teenager sei Apfel sehr dick gewesen und mit Mode hatte sie nicht viel am Hut. Ihren individuellen Stil entwickelte sie erst mit Mitte 20. Apfel arbeitete für die Modefachzeitschrift Women’s Wear Daily und musste jeden Tag top gestylt sein. Seitdem kombiniert sie einfach alles: Schönes, Hässliches, Billiges und Elegantes. Durch die Vermischung all dieser Dinge kreiert sie ihren eigenen Stil. Ihr Tipp ist, sich nicht beeinflussen zu lassen. Man muss herausfinden, was einem gefällt und was einem steht. Ausprobieren, hinfallen, aufstehen. Es gibt kein Richtig oder Falsch.

Ihr Kleiderstil war schon immer sehr gewagt. Klassische Schnitte und dezente Farben sind nicht ihr Ding. Bei Apfel muss es besonders sein und immer einen gewissen Pepp haben. Die Anerkennung für ihren speziellen Stil erhielt sie jedoch relativ spät. Zu verdanken hat sie dies ihrem langjährigem Freund Harold Koda, dem Kurator der Modeabteilung im New Yorker Metropolitan Museum of Art. Er begeisterte sich schon immer für ihren Look und widmete ihr eine Ausstellung. Die damals 84-Jährige wurde über Nacht zur Stilikone. Die bunt gemischten und pompösen Roben sorgten für Bewunderung bei Kritikern und Besuchern. Seither ist sie eine der gefragtesten Modekritikerinnen der USA. Apfel kann sich vor Anfragen für Interviews, Covershoots und Koorperationen kaum noch retten. Sie designt für den US-Teleshoppingkanal HSN, entwarf eine eigene Lippenstiftkollektion für Mac und ist das Werbegesicht zahlreicher Kampagnen. Sogar eine eigene Barbie darf Apfels exzentrischen Modestil tragen.

In den Wintermonaten flüchteten die Apfels immer in ihre Zweitwohnung in Palm Beach, Florida. Das Ehepaar verbrachte hier jahrelang seine Flitterwochen und kaufte schließlich vor acht Jahren eine Wohnung im Südosten der USA für all ihre Kostbarkeiten. Es scheint, als würde man ein Museum oder einen fein sortierten Trödelladen betreten. Auf den ersten Blick wirkt die Wohnung total unübersichtlich und vollgestopft. Auf den zweiten Blick entdeckt man, wie geordnet das Durcheinander ist. Das Mobilar haben die Apfels von ihren zahlreichen Reisen. Jedes Jahr verließen sie die USA für mindestens drei Monate. Sie plünderten die Flohmärkte und Antiquitätenläden auf der ganzen Welt. Inzwischen ist Carl mit 100 Jahren verstorben. Die Lust auf das Leben verliert die alte Dame trotzdem nicht. Als „greises Startlet“, wie sie sich selbst nennt, hat sie alles getan, um der Jugend einen Spiegel vorzuhalten. Denn auch so bleibt man ewig jung.