„Jede Frau sollte ein schlichtes Schlauchkleid in ihrem Schrank haben“ Von Sao Paolo nach Heidelberg

Ein Gespräch mit Shopinhaberin Gabi Gattaz, 55, über die Fähigkeit sich in seinem Körper wohlzufühlen und brasilianische Recycling-Mode.

Gabi Gattaz ist seit vier Jahren wieder zurück in Deutschland. In Sao Paolo führte sie vier Boutiquen für Damenmode. Nach ihrer Rückkehr hat sie zusammen mit einer guten Freundin einen Laden in Heidelberg eröffnet, in dem sie unter anderem recycelte Mode und Accessoires aus Brasilien verkauft. Gabi schafft es, ihre Kundinnen in ihre eigene kleine Modewelt zu entführen, indem sie mehr bietet als nur ein simples Beratungsgespräch. Sie strahlt südamerikanische Lebensfreude, Mut zur Weiblichkeit und die gewisse Portion Eigenliebe aus, die sich jede Frau morgens vor dem Kleiderschrank wünscht. Ein Glas Prosecco und viel Humor gehören für sie ganz selbstverständlich zum guten Service dazu.

Seit wann begeisterst du dich für Mode?

Gabi Gattaz: Während meines Studiums habe ich als Bikinimodel gearbeitet und auf diese Weise einen ersten Einblick in die Modewelt bekommen. Über kleinere Modeljobs habe ich dann mehr oder weniger per Zufall auch hinter die Kulissen der Modebranche geblickt. Ich sammelte Erfahrungen bei Marken wie Gil Bret, Ari und Betty Barclay, bei denen ich beispielsweise bei Kollektionsbesprechungen teilgenommen und während meines Studiums gearbeitet habe. Ich lernte Mode zu dieser Zeit auch aus der wirtschaftlichen Perspektive kennen, was sehr hilfreich war für meine spätere berufliche Tätigkeit als selbständige Boutiquebesitzerin. Die Themen Einkauf, Vertrieb und Promotion sind essentiell für den Erfolg in der Modewelt.

Was hat dich als junge Frau bei deiner Kleiderwahl inspiriert?

Gabi Gattaz: In den Achtzigern gab es keine It-Girls, kein Instagram und nur wenige junge Leute lasen Modezeitschriften. Man musste selbst auf die Suche gehen und sich inspirieren lassen, um einen eigenen Stil zu finden und ein Gespür für Mode zu entwickeln. Ich beispielsweise habe unglaublich gerne den Kleiderschrank und die Schmuckschatullen meiner Oma durchstöbert. Da es noch keine preiswerte Saisonmode gab, wie man sie heute in Filialen großer Modeketten kaufen kann, musste man mit wenigen Teilen immer wieder neue Outfits kreieren und diese mit Accessoires kombinieren. Ich kann mich erinnern, dass ich mir damals ein Paar Schuhe für den Sommer und ein Paar für den Winter kaufen durfte. Es blieb einem also nichts anderes übrig, als mit Schmuck, Gürteln und Tüchern zu experimentieren. Ich hatte schon immer eine Schwäche für auffälligen Schmuck. Das ist doch das Tolle an Mode. Mit einem Hut oder einem eleganten Gürtel ist jedes Outfit wandelbar und zu verschiedenen Anlässen einsetzbar. Für mich haben Accessoires deshalb bis heute eine wichtige Bedeutung.

Was hat dich dazu bewegt auch beruflich in die Welt der Mode einzusteigen?

Gabi Gattaz: Ich lernte meinen Mann in der Zeit kurz nach meinem Studium kennen und zog mit ihm nach zurück in seine Heimat Brasilien, genauer nach Sao Paolo. Da meine Leistungen, die ich Rahmen meines Studiums in Deutschland erbracht habe, in Brasilien nicht anerkannt wurden, suchte ich nach neuen Möglichkeiten mich dort beruflich zu etablieren. Mein Interesse an Mode war schon immer groß und ich eröffnete meine erste Boutique. Nach nicht allzu langer Zeit war ich Besitzerin von vier Modeboutiquen in Sao Paolo. Meinen Erfolg verdanke ich bestimmt nicht zuletzt meiner ganz persönlichen Herangehensweise an das Thema Mode. Es ging mir in erster Linie nicht um kommerziellen Erfolg oder gesellschaftliches Ansehen, es geht mir vielmehr darum meinen Kundinnen modische Inspiration und Mut zum eigenen Stil zu vermitteln. Frauen, die meinen Laden betreten sollen ihn mit einem Lächeln und erhobenen Hauptes verlassen. Eine individuelle Beratung und qualitativ hochwertige Ware sind mir sehr wichtig. Wir Frauen sollten den Mut haben, das zu verkörpern, was wir sind. Stark, unabhängig und schön.

Welche Trends sind für dich am einprägsamsten gewesen und was sollte jede Frau ihr eigen nennen?

 Gabi Gattaz: Marken spielten in den Achtzigern noch keine so wichtige Rolle wie heute. Die Experimentierfreude hat mich bestimmt geprägt. Trends sind mir aber egal, ich muss mich wohl und schön fühlen. Man sollte sich aus aktuellen Trends lieber einzelne Teile heraussuchen, die zu einem passen, anstatt ganze Looks zu kopieren. Ich bin der Meinung, dass jede Frau ein schönes, schlichtes Schlauchkleid im Schrank haben sollte, welches man zu jeder Gelegenheit passend stylen kann. Außerdem ist eine Auswahl an Accessoires meistens schon das A und O für den perfekten Auftritt. Mit einer schönen, opulenten Kette oder einer eleganten Tasche kann man ein einfaches T-Shirt kombiniert mit Jeans zum Hingucker werden lassen.

Du hast lange in Brasilien gelebt. Was können deutsche Frauen von brasilianischen Frauen lernen in Sachen Mode?

 Gabi Gattaz: Brasilianerinnen machen sich jeden Tag schön, da gibt es für den Gang zum Supermarkt oder an Sonntagen keine Ausnahmen. Es gehört zu den Ritualen der brasilianischen Frauen, morgens vor dem Schrank zu stehen und sich ein hübsches Outfit zu überlegen, die Haare zu frisieren und Make-up aufzulegen. Diese Frauen machen das für sich selbst, es geht nicht darum Männern zu gefallen oder im Büro den Preis als am besten gekleidete Mitarbeiterin abzustauben. Es geht darum, sich gut zu fühlen und sich um sich zu kümmern. Deutsche Frauen nehmen sich zu oft eine Auszeit in punkto Styling. Sie gehen mit einer Jogginghose einkaufen und wundern sich wenn sie im Wohlfühl-Look nicht begehrenswerte oder beneidende Blicke auf sich ziehen.

Ich habe selbst während meinen Schwangerschaften immer versucht, mich so zu kleiden, dass ich mich trotz wachsendem Bauch weiblich und gut angezogen fühle. Meines Erachtens ist es ein Trugschluss, wenn Frauen denken, dass praktische und bequeme Alltagskleidung immer bieder und langweilig sein muss.

Spielen Designermode und Marken eine große Rolle in Brasilien?

 Gabi Gattaz: Es gibt kaum international erfolgreiche beziehungsweise auch national bekannte Designer in Brasilien. Lediglich Bademodenmarken und Strandmode können sich auf dem Markt mit internationalen Modelabels wirtschaftlich messen. Mittlerweile gibt es auch überall Zara und Co., so dass die meisten jungen Leute in Brasilien sich kaum von jungen Leuten in Europa und Amerika unterscheiden. Allerdings darf man nicht vergessen, dass brasilianische Mädchen sich gerne sehr lässig kleiden. Viel gebräunte Haut, lange Beachmähnen und bunte Muster sind nach wie vor das Markenzeichen brasilianischen Stils, Marken sind da eher zweitrangig. In Brasilien kommt es auf den Inhalt an, nicht so sehr auf die Verpackung! (lacht)

Auf was legst du beim Einkaufen deiner Ware Wert?

 Gabi Gattaz: Definitiv Qualität. Ich merke sofort, ob Teile aus China stammen oder liebevolle Ergebnisse von Handarbeit sind. Leider muss man da manchmal auch Abstriche machen, da viele Teile einfach zu teuer sind, die in Europa produziert werden. Das sind allerdings nur Ausnahmen. Größtenteils sind alle Teile, die ich verkaufe in Brasilien hergestellt und dort auch designt worden. Sehr gut gefallen mir auffällige, florale Muster oder Animalprints. Professionell verarbeitet Lederaccessoires finde ich auch toll. Besonders beliebt sind die, aus vergoldetem Bast geflochtenen, Ohrringe und Armreife. Meine Kundinnen schätzen es, dass es bei mir viele bunte, die eigene Fantasie anregende Stücke gibt. Vom schlichten Cashmere-Poncho in Crème-Beige bis zum Minikleid aus Neoprenoptik findet man bei mir immer Einzelteile, die an jeder Frau ein Fashion-Statement sein können.

Wie fällt dein Vergleich Sao Paolo – Heidelberg aus, können sich Frauen in Kleinstädten ebenso frei entfalten wie die Frauen in Metropolen?

 Gabi Gattaz: Als ich zurück nach Heidelberg kam, frisch geschieden und nach vielen Jahren in Brasilien, durfte ich mir immer wieder die gleichen Kommentare anhören. Immer wieder war ich den gleichen missgünstigen, staunenden Blicken ausgesetzt. Frauen in meinem Alter tragen hier selten Shorts, ärmellose Tops und High-Heels, vor allem nicht im Alltag. Ein Paradiesvogel, der sich nach Heidelberg verirrt hat, so wurde ich wahrgenommen. Ich wollte mich davon nicht unterkriegen lassen. Die Blicke der Männer habe ich teilweise genossen oder ignoriert. Die Blicke der Frauen erkläre ich mir mit Neid. Meine Liebe zu Mode und mein Vertrauen in meinen eigenen Geschmack halten das aus. Ich fühle mich wohl in meiner Haut und bin stolz eine schöne, große Frau zu sein. Genau diesen Mut und dieses Selbstbewusstsein versuche ich auch meinen Kundinnen zu vermitteln. Und jede einzelne glückliche Frau, die meinen Laden verlässt, zeigt mir, dass das der einzig richtige Weg ist, Mode zu leben.

Was rätst du uns Frauen?

Gabi Gattaz: Man muss ausprobieren, ausprobieren, ausprobieren, auf den eigenen Geschmack vertrauen und diesen trainieren. Man kann ein Gespür für Stil erlernen. Dazu gehört eine Portion Mut zum Risiko und vielleicht muss auch der ein oder andere Styling-Fauxpas in Kauf genommen werden. Aber das ist es am Ende wert. Das Alter einer Frau spielt bestimmt eine Rolle, ist allerdings niemals ein Hindernis, sich auch noch mit Fünfzig sexy zu kleiden. Finde deine Schokoladenseiten – sei es ein schönes Dekolleté oder lange, sportliche Beine, und betone sie. Mode macht gute Laune, wenn man nur richtig damit umgeht.