Kapuzenpullover als Rettungsschirm? Mode als Warnung

EUnify-Hoodies von Souvenir

Die Europäische Union steckt nach dem Brexit und schockierenden Wahlergebnissen in der Krise. Mit Mode wird gegen die Probleme demonstriert.

Brexit, Rechtsruck und allgemeine Unzufriedenheit – die Stimmung in der Europäische Union scheint zu kippen. Auch in der Mode ist der Ausnahmezustand schon angekommen. Zahlreichen Modedesignern scheint der europäische Verbund aus 28 Mitgliedsstaaten wichtig geworden zu sein. Das Symbol der EU, ein Kranz mit zwölf goldenen Sternen, ist in sämtlichen Kollektionen zu finden. Zum Beispiel bei Souvenir prangt das EU-Logo auf dem sogenannten EUnify-Hoodie. Das Label Europescarf verkauft Schals mit EU-Kranz in Schwarz-weiß und sogar das It-Label Vetements des georgisch stämmigen Designers Demna Gvasalia bietet azurblaue Pullover mit EU-Logo an. Doch kann ein Schal oder ein Kapuzenpullover die Europäische Union retten?

Politische Botschaften auf Kleidungsstücken sind nichts Neues oder Ungewöhnliches. Bereits in den 80er-Jahren bedruckten britische Designerinnen wie Vivienne Westwood oder Katharine Hamnett simple weiße T-Shirts mit Slogans wie „Save the Bees“ und machten damit auf Missstände in ihrem Heimatland aufmerksam. Auch Diors Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri bedruckte in ihrer Frühjahrs-/Sommerkollektion 2017 T-Shirts mit dem Schriftzug „We should all be feminists“. Politische Botschaften auf Kleidung sind seitdem nicht mehr nur in der Haute Couture, sondern auch bei großen Modeketten allgegenwärtig. Kein Wunder, denn die weißen T-Shirts mit Slogans in großen schwarzen Buchstaben sind eindeutig und leicht zu verstehen. Anders die T-Shirts und Kapuzenpullover mit dem Logo der EU. Es ist nicht klar, wofür oder gegen man beim Tragen protestiert. Entweder wird damit ein Statement gesetzt oder das Logo wird nur zu einem Aufdruck, der gut aussehen soll.

Beim EUnify-Hoodie von Souvenir ist das Kleidungsstück zweifellos nur ein Mittel, um eine Botschaft zu verdeutlichen. Anstatt zwölf Sternen sind darauf nur elf zu finden. Der Kranz kann damit nicht geschlossen werden. „Wenn einer fehlt, ist irgendetwas nicht in Ordnung“, erklärt David Mallon, Kreativdirektor und Gründer des Labels gegenüber dem i-D-Magazin. Doch das Fehlen des zwölften Sterns versinnbildlicht den Brexit, das Scheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union. Denn nach der Idee der EU symbolisieren die Sterne nicht die Anzahl der Mitgliedstaaten, sondern die „Vollkommenheit, Vollständigkeit und Einheit“. „Es ist mehr eine Initiative, als dass es um Fashion geht, man könnte es auch als Opinion Wear bezeichnen“, erklärt David Mallon weiter. Während Politiker sich über die EU streiten, können sich Bürger in der Union für ihren Zusammenhalt einsetzen. Das Label Europescarf geht sogar noch einen Schritt weiter und spendet zehn Prozent des Gewinns an eine parteiunabhängige gemeinnützige pro-europäische Initiative. Damit unterstützt man nicht mehr nur mit einem Schal symbolisch die Europäische Union, sondern fördert auch weiter deren Erhalt.

Hinter dem EU-Hoodie des Labels Vetements lässt sich jedoch nicht zwangsläufig eine politische Botschaft vermuten. Schon öfter druckte Designer Demna Gvasalia Logos, wie zuletzt das des Paketdienstes DHL auf T-Shirts oder Pullover. „Wenn darauf ein Logo, ein Aufdruck oder irgendetwas Wiedererkennbares ist, wollen die Menschen es haben, weil sie sich dann einer Gruppe zugehörig fühlen“, erklärt Gvasalia in einem Interview mit dem Online-Magazin Refinery29. Sein Kapuzenpullover soll auffallen. Für mehr als 700 Euro ist er allerdings nur für wenige Auserwählte ein Zeichen des Protests. Mit Politik hat das nicht mehr viel zu tun.

Dass ein Kapuzenpullover die Europäische Union rettet, ist zu bezweifeln. Doch viele wollen mit ihren Produkten ein Zeichen setzen. Es geht darum, Position zu beziehen. Das Gefühl von Gemeinschaft, Freiheit und Offenheit für den Erhalt in der EU. Das ist auch wichtig. Denn seit ein paar Jahren gewinnen konservative und rechtsgerichtete Parteien in der EU immer mehr Zulauf. Die Europäische Union und die damit einhergehenden Vorzüge sind für viele Europäer zu selbstverständlichgeworden. So haben Kapuzenpullover und Schals mit EU-Logo auf den Straßen der europäischen Städte auf jeden Fall etwas Gutes. Sie erinnern an die ursprünglichen Werte der Union und warnen vor dem nächsten Herausbrechen des Sterns.


Foto: Andreas Schreiner